Wasserstoffprojekte brauchen Zeit. Aktionäre müssen diese Geduld nicht automatisch mitbringen. Bei ITM Power stand am Freitag eine Tagesveränderung von -10% zu Buche. Für mich zeigt dieser Rückschlag vor allem, wie wichtig die Unterscheidung zwischen angekündigten Projekten und wirtschaftlichen Ergebnissen ist. Eine konkrete Erklärung für den Kursverlust liefert diese Unterscheidung allerdings nicht.

Der entscheidende Gedanke reicht über einen schwachen Handelstag hinaus: Ein großes Vorhaben kann Perspektive schaffen, ohne bereits Umsatz oder einen verlässlichen Zeitplan für dessen Realisierung zu garantieren. Bei ITM Power lässt sich diese Spannung an den Geschäftszahlen und einem geplanten Raffinerieprojekt nachvollziehen. Beides gehört zusammen, darf aber nicht miteinander verwechselt werden.

Die Börse wartet nicht bis zur Produktion

Am 12. Oktober meldete die ITM-Power-Tochter Hydropulse eine Grundsatzvereinbarung mit einer europäischen Ölraffinerie. Vorgesehen ist ein Projekt für grünen Wasserstoff mit einer Leistung von 150 MW. Die Vereinbarung soll über zehn Jahre laufen.

Das klingt nach langfristiger industrieller Zusammenarbeit. Für die Bewertung zählt jedoch ebenso der Weg dorthin. Eine Grundsatzvereinbarung ist zunächst ein Schritt in der Projektentwicklung, nicht deren Abschluss. Gerade bei solchen Vorhaben liegt zwischen einer wirtschaftlichen Perspektive und ihrer Umsetzung eine entscheidende Strecke.

Die endgültige Investitionsentscheidung wird für 2027 angestrebt. Der Produktionsbeginn ist für 2029 vorgesehen. Diese Termine beschreiben Ziele und keinen bereits vollzogenen Fortschritt bis zur laufenden Produktion.

Genau darin liegt für mich die Schwierigkeit der Wasserstoffgeschichte am Aktienmarkt. Anleger sollen eine industrielle Zukunft bewerten, während wichtige Entscheidungen noch ausstehen. Wie viel Geduld lässt sich einpreisen, bevor aus einer Projektperspektive ein belastbarer Ergebnisbeitrag wird?

Wachstum ist noch keine Profitabilität

Die am 19. Oktober veröffentlichten vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2026 liefern dafür einen konkreten Maßstab. ITM Power meldete einen Umsatz von 43,6 Millionen £ und einen bereinigten EBITDA-Verlust von 20,2 Millionen £.

Damit steht neben dem Umsatz weiterhin ein operatives Minus. Das macht die Projektumsetzung für Aktionäre besonders relevant: Wachstum muss sich nicht nur in zusätzlichen Erlösen zeigen. Es muss auch helfen, die Verlustsituation zu verbessern. Eine Projektmeldung allein beantwortet diese zweite Frage noch nicht.

Für das Geschäftsjahr 2027 stellte das Unternehmen einen Umsatz zwischen 50 Millionen £ und 60 Millionen £ in Aussicht. Die Prognose deutet damit auf Wachstum gegenüber dem gemeldeten Geschäftsjahr hin.

Beim Ergebnis erwartet ITM Power allerdings weiterhin einen bereinigten EBITDA-Verlust. Die Prognose liegt zwischen 17 Millionen £ und 20 Millionen £. Wachstum und Verlustabbau sollen also parallel verlaufen; Profitabilität stellt diese Prognose noch nicht in Aussicht.

Ein Gegengewicht bildet der gemeldete Barmittelbestand von 215,6 Millionen £. Liquidität und operative Profitabilität beantworten allerdings unterschiedliche Fragen. Für die Einordnung sollte deshalb weder der Verlust den Blick auf die Finanzmittel verstellen noch der Kassenbestand die Ergebnisentwicklung ersetzen.

Umsetzung wird zum Bewertungsmaßstab

Peel Hunt senkte am 22. Oktober das Kursziel von 92 auf 88 Pence. Das Analysehaus verwies auf Umsetzungsrisiken und Risiken bei der Umwandlung von Projekten in Aufträge. Wasserstoffvorhaben kämen langsamer voran als erwartet.

Diese Einschätzung beschreibt das Spannungsfeld treffend. Sie ist aber kein Beleg dafür, dass die damalige Analystenaktion den späteren Freitagsverlust ausgelöst hat. Zwischen einer begründeten Bewertungssorge und der Erklärung einer einzelnen Kursbewegung besteht ein Unterschied.

Mein Maßstab für ITM Power wäre deshalb nicht die Größe der nächsten Projektankündigung allein. Entscheidend ist, ob geplante Vorhaben ihre nächsten verbindlichen Schritte erreichen und sich das angekündigte Wachstum mit geringeren Verlusten verbindet. Die Wasserstoffperspektive liefert den Rahmen. Ihren wirtschaftlichen Wert muss die Umsetzung zeigen.