IBM-Aktien notieren bei 261,60 Euro, ein Minus von 1,04 Prozent zum Vortag. Auf Monatssicht steht dennoch ein Plus von 8,80 Prozent zu Buche. Am 22. Juli 2026 legt der Konzern seine Zahlen zum zweiten Quartal vor — laut eigener Investor-Relations-Seite ein fixer Termin, kein Analystenschätzwert. Für Anleger wird dieser Tag zum nächsten echten Prüfstein.

Die entscheidende Frage

Im Kern geht es um ein Wettrennen zweier Geschäftsbereiche. Kann das Wachstum bei Software und KI-Aufträgen die Schwäche im Infrastrukturgeschäft ausgleichen? BofA Securities rechnet für das zweite Quartal mit einem Rückgang der Infrastruktursparte um 2 Prozent auf währungsbereinigter Basis. Der Grund: Der aktuelle Mainframe-Zyklus rund um das z17-Produkt reift allmählich aus.

Die Aktie notiert derzeit 10,67 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 292,85 Euro. Ob dieses Niveau gerechtfertigt ist oder sich nach unten korrigieren muss, hängt maßgeblich davon ab, wie stark Red Hat und die Automatisierungssparte die Infrastrukturschwäche kompensieren können.

Das bullische Szenario

Die optimistische Sichtweise stützt sich auf anhaltende Software-Dynamik und eine verbesserte Cash-Generierung. BofA Securities modelliert ein organisches Umsatzwachstum von 3,2 Prozent für das zweite Quartal. Red Hat soll dabei mit 10 Prozent währungsbereinigt wachsen — genau wie im Vorquartal.

Analyst Wamsi Mohan von BofA Securities bestätigte seine Kaufempfehlung für IBM und hob sein Kursziel an. Er rechnet damit, dass der Konzern seine Jahresprognose für 2026 bei Umsatz und freiem Cashflow moderat anheben könnte. Zusätzliches Aufwärtspotenzial sieht Mohan in der Integration von Confluent: Er schätzt, dass die Übernahme im zweiten Quartal rund 340 Millionen Dollar zum Umsatz beitragen und etwa 5 Prozent des Software-Wachstums ausmachen könnte.

Technisch gibt es noch Spielraum nach oben. Der RSI liegt bei 63,8 — deutlich unter überkauften Niveaus. Die Aktie handelt zudem 15,09 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt, was auf intakten, aber noch nicht überhitzten Momentum-Charakter hindeutet.

Das bärische Szenario

Das Risikoszenario dreht sich um Integrationsprobleme und einen strukturell schwächelnden Hardware-Zyklus. IBM hat rund 11 Milliarden Dollar in die Confluent-Übernahme investiert. Der Konzern muss nun zügig belastbare Cross-Selling-Erfolge zeigen, sonst rechtfertigt sich die gezahlte Prämie nicht.

Bleiben die Synergieeffekte hinter den Erwartungen zurück, könnte die aktuell hohe Bewertung der Aktie schnell unter Druck geraten. Auf der Infrastrukturseite ist zudem keineswegs sicher, dass KI-Nachfrage den Mainframe-Rückgang auffängt. BofA rechnet damit, dass die Infrastrukturschwäche bis in die zweite Jahreshälfte 2026 anhält — auch wenn Power-Systeme und Storage-Lösungen durch Unternehmens-KI-Adoption profitieren könnten. Das bleibt vorerst eine Prognose, kein bestätigter Trend.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 48,60 Prozent. Der Markt preist damit eine breite Spanne möglicher Ausgänge rund um den Quartalstermin ein. Verfehlt IBM die Erwartungen bei Software-Wachstum oder Prognose, könnte das einen scharfen Rücksetzer auslösen — die Aktie notiert derzeit 10,38 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt und hätte entsprechend Raum nach unten.

Ausblick

Solange Red Hat und die Automatisierungssparte den Infrastruktur-Gegenwind übertreffen, bleibt der Weg zu höheren Kursen intakt. Das aktuelle Konsens-Kursziel liegt bei 257,58 Euro — leicht unter dem aktuellen Kurs. Das deutet darauf hin, dass der Markt bereits ein solides Quartalsergebnis einpreist. Für positive Überraschungen bleibt entsprechend wenig Spielraum.

Bestätigt der Bericht am 22. Juli eine beschleunigte Umsetzung von KI-Aufträgen und eine angehobene Jahresprognose, könnte die Aktie ihren Anstieg fortsetzen und sich dem 52-Wochen-Hoch bei 292,85 Euro nähern. Fällt die Infrastrukturschwäche dagegen stärker aus als modelliert oder enttäuschen die Confluent-Synergien, wird ein Rückgang Richtung 200-Tage-Durchschnitt bei 236,99 Euro zum wahrscheinlicheren Pfad. Entscheidend bleibt neben den reinen Zahlen vor allem der Ausblick des Managements zum währungsbereinigten Umsatzwachstum für das Gesamtjahr.