Zwei Geschichten laufen bei IBM gerade nebeneinander her. Die eine erzählt Vorstandschef Arvind Krishna: eine Billionen-Dollar-Zukunft dank Quantencomputing. Die andere schreibt der Aktienkurs – und die ist deutlich unbequemer. Innerhalb eines einzigen Monats hat der Konzern mehr als ein Viertel seines Börsenwerts eingebüßt.

Der Schock vom 14. Juli

Am 14. Juli 2026 brach die Aktie nach den Zahlen zum zweiten Quartal um mehr als 25 Prozent ein. Auslöser waren enttäuschende Erlöse im Mainframe-Geschäft mit der IBM Z. Hinzu kamen mehrere Großaufträge, die IBM nicht abschließen konnte.

Der Einbruch war kein einmaliger Ausrutscher. Die Kanzlei BFA Law prüft inzwischen eine Klage wegen mutmaßlichen Wertpapierbetrugs. Der Vorwurf: IBM habe Investoren über seine Auftragspipeline und die Aussichten der Z-Reihe in die Irre geführt.

Aktuell notiert die Aktie bei 188,74 Euro. Allein in den vergangenen 30 Tagen hat sie fast ein Viertel an Wert verloren, seit Jahresbeginn sind es mehr als 27 Prozent. Der Markt verlangt hier sichtbar mehr als optimistische Ausblicke – er verlangt Beweise.

Modernisierung trifft auf Vertrauensverlust

Es gibt durchaus Lichtblicke für das „alte“ IBM-Geschäft. Die kürzlich angekündigte langfristige Kooperation mit UniCredit und Accenture für eine neue Banking-Plattform in Europa zeigt: Die Z-Systeme und die modernisierte Infrastruktur von IBM haben im Finanzsektor weiterhin Gewicht.

Nur verpufft dieser Erfolg im täglichen Kursgeschehen. Am Freitag verlor die Aktie weitere 1,82 Prozent und rückt damit näher an ihr Jahrestief von 175,14 Euro heran als an ihren gleitenden 50-Tage-Durchschnitt von 227,74 Euro. Zum Rekordhoch aus dem Frühsommer fehlen inzwischen 35,55 Prozent. Diese Distanz zeigt, wie schnell sich die Erzählung von Wachstum zu Schadensbegrenzung gedreht hat.

Quanten-Zukunft als teure Ablenkung

Krishna hält an seiner Vision fest. Quantencomputing soll ab 2028 oder 2029 messbar zu Umsatz und Gewinn beitragen. Langfristig spricht er sogar von einem Billionen-Dollar-Wert bis Ende der 2030er-Jahre – gestützt durch die jüngste Übernahme von HRL Laboratories zum Ausbau der Quanten-Hardware.

Beeindruckend ist das zweifellos, auch die gemeinsam mit der University of Chicago demonstrierte „Quantum Advantage“ zählt dazu. Nur nützt das kurzfristig orientierten Aktionären wenig. Der selbstkorrigierende Quantencomputer „Starling“ kommt frühestens 2029 – bis dahin muss sich IBM auf ein Mainframe-Geschäft verlassen, das gerade selbst ins Straucheln gerät. Für mich bleibt die Quanten-Story deshalb vorerst eine Wette auf die nächste Dekade, kein Argument für die nächsten Quartale.

Die Bewertung spricht für einen Boden

Trotz allem sehe ich bei 188,74 Euro einen interessanten Einstiegspunkt für geduldige Anleger. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 213,80 Euro – ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von 13,3 Prozent. Der freie Cashflow von 13,1 Milliarden Dollar deutet zudem darauf hin, dass die Aktie trotz vergleichsweise teurer Gewinnmultiplikatoren unterbewertet sein könnte.

Der RSI von 37,9 signalisiert eine Annäherung an überverkauftes Terrain, ohne die Kapitulationsphase erreicht zu haben, die meist einer scharfen Erholung vorausgeht. Bei einer annualisierten Volatilität von 85,69 Prozent dürfte es kurzfristig weiter ruppig bleiben.

Unterm Strich bleibt IBM für mich ein Unternehmen im Umbruch mit echter Substanz, aber ungelöstem Vertrauensproblem. Solange die Klage von BFA Law im Raum steht und das Mainframe-Geschäft schwächelt, bleibt der „Quantensprung“ ein Versprechen für die Zukunft – kein Katalysator für die Gegenwart.