Ein Kurssturz von 25 Prozent in fünf Handelstagen wäre für sich genommen schon eine Geschichte. Bei IBM kommt aber noch etwas Ungewöhnliches hinzu: Der Optionsmarkt beruhigt sich nicht. Normalerweise sackt die implizite Volatilität nach einem Schock schnell wieder ab — bei IBM tut sie das Gegenteil.
Der Auslöser: verschobene Kundenbudgets
Am 14. Juli veröffentlichte IBM vorläufige Zahlen zum zweiten Quartal, die deutlich unter den Erwartungen lagen. Der Umsatz erreichte rund 17,2 Milliarden Dollar statt der erwarteten 17,86 Milliarden Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie kam auf 2,93 Dollar gegenüber einer Konsensschätzung von 3,01 Dollar. Konzernchef Arvind Krishna räumte in einem Brief an die Investoren ein, das Management habe zu spät auf eine Verschiebung der Kundenausgaben reagiert.
Kunden hätten ihre Budgets gegen Ende Juni verstärkt in Server, Speicher und Arbeitsspeicher umgeleitet, um sich vor erwarteten Preiserhöhungen Kapazitäten zu sichern. Mehrere große Software- und Beratungsabschlüsse kamen dadurch nicht wie geplant zustande. Die Aktie verlor daraufhin an einem einzigen Handelstag so viel wie seit 1968 nicht mehr.
Analysten tief gespalten
Die Reaktion der Analystenhäuser fiel entsprechend uneinheitlich aus:
- HSBC stufte IBM von Hold auf Reduce herab, Kursziel von 231 auf 191 Dollar gesenkt
- Oppenheimer zog die Einstufung von Outperform auf Perform zurück und strich das bisherige Kursziel von 350 Dollar komplett
- Morgan Stanley hob das Kursziel trotz der Zahlen von 267 auf 293 Dollar an, Einstufung Equal-Weight
- Goldman Sachs bestätigte Buy mit einem Kursziel von 335 Dollar
- Citigroup bekräftigte die Kaufempfehlung mit einem Ziel von 375 Dollar
Die Spanne zwischen 191 und 375 Dollar zeigt: Ein Konsens existiert derzeit nicht. Wer optimistisch bleibt, verweist auf das intakte Kerngeschäft mit Software, die neue z17-Mainframe-Generation und die Investitionspläne im Quantencomputing, dazu eine Dividendenrendite von rund 3,1 Prozent. Die Skeptiker bezweifeln, dass IBM die eigene Jahresprognose beim Softwarewachstum noch erreichen kann.
Optionsmarkt preist keine Beruhigung
Interessant wird es im Optionshandel. Die einmonatige implizite Volatilität von IBM notiert im 99,6-Perzentil ihrer historischen Verteilung — ein Niveau, das die Prämienausschläge während der Zinserhöhungsphase 2022 oder der Zollturbulenzen übertrifft und nur vom Corona-Crash 2020 übertroffen wird. Der Markt preist also weiterhin erhebliche Unsicherheit ein, obwohl die schlechte Nachricht längst bekannt ist.
Die endgültigen Zahlen zum zweiten Quartal stehen noch aus. Bis dahin dürfte die hohe Optionsprämie ein Gradmesser dafür bleiben, wie ernst der Markt die Zweifel an IBMs Softwarewachstum tatsächlich nimmt.
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