Starke Nachfrage im Verborgenen, schwache Kurse auf dem Papier. Bei IBM klaffen Realität und Börsenstimmung derzeit weit auseinander. Die Aktie notiert mit 227,10 Euro rund 22 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Ein klassischer Fehlschluss belastet den Konzern seit Jahren. Der Markt bewertet IBM hartnäckig als zyklischen Berater und Hardware-Bauer. Dabei sieht die Realität völlig anders aus.

Die aktuelle Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mitte Juni senkte Accenture seine Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr. Das riss den gesamten IT-Dienstleistungssektor nach unten. Investoren stießen Aktien ab. IBM geriet in diesen Abwärtsstrudel. Ein teurer Fehler.

Accenture ist ein reines Beratungsunternehmen. Bei IBM macht das Beratungsgeschäft aber weniger als ein Drittel des Umsatzes aus. Der wahre Wachstumsmotor ist die Software. Zum Jahresauftakt wuchs diese Sparte um elf Prozent auf 7,1 Milliarden US-Dollar. Das Beratungsgeschäft fiel deutlich kleiner aus. Wer dieses Portfolio wie einen Accenture-Klon behandelt, greift daneben.

Die Analysten von JPMorgan sprachen diese Diskrepanz diese Woche offen aus. Sie stuften IBM auf „Overweight“ hoch. Das Kursziel kletterte auf 291 US-Dollar. Die Begründung liefert den Kern der neuen Investment-Story. Etwa 45 Prozent des Umsatzes stammen aus Software. Beim Konzerngewinn sind es sogar rund zwei Drittel.

Software bietet höhere Margen und verlässliche Zahlungsströme. Das rechtfertigt an der Börse eine höhere Bewertung als das Hardware-Geschäft. Die Zahlen untermauern diese These. IBM meldete zuletzt jährlich wiederkehrende Software-Einnahmen von 24,6 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Plus von zehn Prozent.

Warum korrigierte die Aktie dann überhaupt? Der Rücksetzer basierte auf der Vorsicht eines Konkurrenten. Parallel sorgte eine eigene Studie für Verwirrung. Mitte Juni veröffentlichte IBM Daten zur Künstlichen Intelligenz. Das Ergebnis: 71 Prozent der befragten Führungskräfte finden den Wechsel ihres KI-Anbieters schwierig.

Investoren lasen das als Warnung. Wenn Kunden sich gefangen fühlen, verschieben sie große KI-Projekte. IBM wollte mit der Studie eigentlich seine eigenen Governance-Produkte bewerben. Der Markt verstand das genaue Gegenteil. Dabei wächst das KI-Geschäft rasant. Das Auftragsvolumen für generative KI lag Ende 2025 bei über 12,5 Milliarden US-Dollar.

Die Marktdaten zeigen eine Aktie zwischen zwei Welten. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von knapp neun Prozent auf der Anzeigetafel. Der RSI-Wert signalisiert mit 49 Punkten eine neutrale Zone. Das Papier ist weder überkauft noch überverkauft. Aber der Wind dreht sich. In den vergangenen Tagen legte der Kurs spürbar zu.

Das Management hält an seinen Zielen für 2026 fest. Der freie Cashflow soll um rund eine Milliarde US-Dollar steigen. Die Software-Sparte peilt ein zweistelliges Wachstum an. Die strukturelle Frage bleibt: Wird der Markt IBM weiterhin als Berater mit angehängter Software bepreisen? Oder honoriert die Börse endlich die Transformation zur margenstarken Cloud-Plattform?

Die Neubewertung hat gerade erst begonnen. JPMorgan sieht den jahrzehntelangen Umbau nun als zentrale Story. Die Bewährungsprobe folgt mit den Ergebnissen für das zweite und dritte Quartal. Liefert IBM dort das erwartete Software-Wachstum, verliert die alte Berater-Falle endgültig ihre Wirkung.