Während IBM noch immer die Kurseinbußen der vergangenen Wochen verdaut, setzt der Konzern ausgerechnet jetzt ein weit in die Zukunft gerichtetes Signal. Der Konzern hat eine endgültige Vereinbarung zur Übernahme der Quantenforschungsschmiede HRL Laboratories unterzeichnet — mitten in einer Phase, in der Anleger eigentlich auf Antworten zur schwächelnden Hardware-Sparte warten. Zwei Geschichten, ein Unternehmen: kurzfristiger Gegenwind, langfristige Ambition.

Gesenkte Prognose, mehr Sparzwang

Nach US-Börsenschluss senkte Firmenchef Arvind Krishna die Umsatzprognose für das laufende Jahr leicht. Statt eines währungsbereinigten Plus von rund 5 Prozent rechnet IBM jetzt nur noch mit 4 bis 5 Prozent Wachstum. Um das Ziel eines um eine Milliarde Dollar steigenden freien Cashflows dennoch zu erreichen, will das Management die Kosten noch stärker drücken als bisher geplant.

Der Hintergrund ist bekannt: Anfang Juli hatte IBM mit vorläufigen Zahlen den schwersten Handelstag seiner Börsengeschichte ausgelöst, der Kurs brach innerhalb weniger Stunden um rund ein Viertel ein. In den Tagen danach weitete sich das Minus auf fast 30 Prozent aus, der Börsenwert rutschte unter 200 Milliarden Dollar. Auslöser war vor allem der Einbruch der Mainframe-Verkäufe, während der Gesamtumsatz mit 17,2 Milliarden Dollar die Erwartungen der Analysten verfehlte.

HRL Laboratories soll Quantenprogramm beschleunigen

Der Zukauf von HRL Laboratories, bislang gemeinsames Forschungsinstitut von Boeing und General Motors, zielt auf genau das Gegenteil der aktuellen Kursstimmung: langfristige Technologieführerschaft. HRL bringt Fachwissen in Silizium-Spin-Qubits und Quantensensorik mit — Technologien, die IBMs bestehenden Ansatz mit supraleitenden Qubits ergänzen sollen. Boeing und GM bleiben laut Unternehmensangaben auch nach dem Abschluss als Partner für Quantenanwendungen an Bord.

Der Deal reiht sich in eine Investitionsoffensive ein, für die IBM über fünf Jahre mehr als 10 Milliarden Dollar vorgesehen hat. Bereits im Mai hatte der Konzern gemeinsam mit dem US-Handelsministerium eine Absichtserklärung für die Quantenwaferfabrik „Anderon“ verkündet. Bis 2029 soll zudem der Rechner „IBM Quantum Starling“ fertig sein, der nach Unternehmensangaben 20.000-mal leistungsfähiger sein soll als heutige Quantencomputer.

Für die Aktie bleibt die Gemengelage schwierig: Die gesenkte Wachstumsprognose und die angekündigten zusätzlichen Sparmaßnahmen zeigen, wie sehr der Mainframe-Einbruch noch nachwirkt. Ob der milliardenschwere Quantenvorstoß mit HRL Laboratories das Vertrauen der Anleger zurückgewinnt, dürfte sich erst zeigen, wenn der Deal abgeschlossen ist und erste Fortschritte auf dem Weg zu Starling im Jahr 2029 sichtbar werden.