Infineon hat in wenigen Wochen fast ein Drittel seines Wertes verloren. Trotzdem gilt die Aktie nach Ansicht von Marktbeobachtern noch immer als teuer. Genau das ist die eigentliche Überraschung an diesem Ausverkauf.
Bewertung bleibt hoch trotz Absturz
Der Kurs schloss am Freitag bei 63,90 Euro. Das liegt rund 28,7 Prozent unter dem Rekordhoch von 89,67 Euro vom 3. Juni 2026.
Trotz des Rückgangs bleibt die Bewertung hoch. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2026 liegt bei 50,9. Damit liegt es weit über dem Fünf-Jahres-Durchschnitt und auch über dessen Mittelwert von 24,3.
Ein Vergleich zeigt das Ausmaß: Selbst KI-Vorzeigekonzern Nvidia ist mit einem KGV von 23,1 für 2026 günstiger bewertet als Infineon.
Auch der Blick auf 2027 bringt kaum Entspannung. Für das kommende Geschäftsjahr taxieren Analysten von MarketScreener das Gewinnvielfache noch auf 27,7. Das spricht weiterhin für eine Überbewertung.
Hinzu kommt eine schwache Cashflow-Rendite. Sie liegt bei nur 1,2 Prozent für dieses und knapp 2,0 Prozent für das kommende Jahr. Im Branchenvergleich ist das enttäuschend.
Steigende Zins- und Inflationserwartungen könnten das Problem verschärfen. Dann müssten Anleger die ohnehin schmalen Cashflows stärker abzinsen.
Vom Rekordhoch in den freien Fall
Der Kontrast zur ersten Jahreshälfte könnte kaum größer sein. Halbleiter- und KI-Infrastrukturwerte zählten damals zu den heißesten Trades der Börse. Der Philadelphia Semiconductor Index verdoppelte sich zeitweise, angeführt von Speicherherstellern wie Micron und SanDisk.
Infineon profitierte kräftig vom Branchentrend. Die Aktie mehr als verdoppelte sich und markierte ein neues Allzeithoch. Das gelang mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Platzen der Dotcom-Blase.
Bereits im Vorfeld warnten technische Indikatoren vor einer Überhitzung. Neue Rekordnotierungen fielen mit bearishen Divergenzen im Relative-Stärke-Index zusammen. Der RSI näherte sich im Wochenchart zeitweise dem Extremwert von 90. Auf Monatsbasis lag er über 80 Zählern.
Die Trendwende kam mit einem klaren charttechnischen Bruch. Nach einem Doppeltop knapp unter 90 Euro begann der Sinkflug. Der Bruch der 50-Tage-Linie sorgte für zusätzliche Verkaufsdynamik und ein erstes Verkaufssignal.
Auslöser: globaler Speicherchip-Ausverkauf
Der aktuelle Kursrutsch hat keine Infineon-spezifischen Ursachen. Er ist Teil eines branchenweiten Ausverkaufs. Am vergangenen Freitag erlebte der deutsche Chipsektor bereits den dritten Ausverkaufstag in Folge.
Deutsche Halbleiterwerte brachen auf breiter Front ein. Auslöser war laut Marktbeobachtern ein synchroner, globaler Ausverkauf im Speicherchip-Markt. Infineon als größter Umsatzwert des Segments konnte sich dem nicht entziehen.
Der Handelsumsatz deutete eher auf eine Neubewertung als auf Panik hin. Bis 11:47 Uhr wechselten rund 1,75 Millionen Infineon-Aktien den Besitzer.
Hochgerechnet auf den Tag ergibt das etwa 5,3 Millionen Stück. Das entspricht rund 94 Prozent des üblichen Tagesdurchschnitts von 5,67 Millionen Aktien.
Aktuelles technisches Bild
Die Aktie notiert aktuell in einem klaren Abwärtstrend. Sie liegt deutlich unter ihren wichtigen gleitenden Durchschnitten. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 75,18 Euro, der Kurs notiert rund 15 Prozent darunter.
Der 100-Tage-Durchschnitt liegt bei 60,17 Euro, der 200-Tage-Durchschnitt bei 49,17 Euro. Der RSI auf 14-Tage-Basis steht bei 35,1 und signalisiert eine überverkaufte Tendenz.
Charttechnisch bleibt die Lage angespannt. Die Aktie handelt an der Unterkante eines steilen Abwärtstrendkanals. Das eröffnet die Chance auf eine kurzfristige Gegenbewegung, auch weil der RSI in den überverkauften Bereich gefallen ist.
Die technischen Signale sprechen dennoch eher für weitere Verluste als für eine nachhaltige Erholung. Die Abwärtsdynamik bleibt hoch. Der Trendstärkeindikator MACD liegt weit unter seiner Signal- und seiner Nulllinie. Ein Crossing als Entspannungssignal ist noch nicht in Sicht.
Ausblick
Am 5. August legt Infineon die nächsten Quartalszahlen vor. Bis dahin bleibt die Kluft zwischen hoher Bewertung und schwachem Kursverlauf das zentrale Thema für die Aktie. Liefert der Konzern keine überzeugende Wachstumsstory, dürfte der Druck auf die Bewertung weiter zunehmen.
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