Nach einem Plus von über 109 Prozent seit Jahresbeginn ist Infineon einer der stärksten Halbleiterwerte in Europa. Hinter der Rallye steckt echter Rückenwind — aber auch eine Bewertung, die keine Fehler mehr verzeiht.

KI-Boom treibt Kurs auf neues Niveau

Der Antrieb kommt aus den Rechenzentren. Die globale Nachfrage nach Stromversorgungslösungen für KI-Infrastruktur hat Infineons Kerngeschäft mit Leistungshalbleitern massiv beflügelt. Seit Ende März 2026 legte die Aktie in der Spitze um bis zu 142 Prozent zu.

Das hat seinen Preis. Das 12-Monats-Forward-KGV liegt aktuell bei 34 — weit über dem historischen Zehnjahresdurchschnitt von rund 20. Damit übertrifft die Bewertung sogar das Niveau des Halbleiteraufschwungs von 2020/21. Analysten haben ihre Schätzungen zwar angehoben, warnen aber vereinzelt vor der ambitionierten Bewertungsprämie.

Neue Fabrik, alter Lieferkettenstreit

Auf der operativen Seite läuft es rund. Das neue Fertigungsmodul in Dresden — intern „Smart Power Fab“ genannt — geht planmäßig am 2. Juli 2026 in Betrieb. Der Bau endete rund zehn Wochen früher als geplant. Nach dem vollen Hochlauf soll das Werk ein jährliches Umsatzpotenzial von rund 5 Milliarden Euro bieten — etwa ein Drittel des für 2026 erwarteten Konzernumsatzes.

Parallel dazu sorgt ein Lieferkettenthema für Aufmerksamkeit. Der chinesische Zulieferer Yangzhou Yangjie Electronic Technology steht auf der EU-Sanktionsliste. Der Vorwurf: Produkte des Herstellers tauchten in russischen Drohnen und Gleitbomben auf. Yangjie bestreitet das und gibt an, das Russlandgeschäft bereits im November 2023 beendet zu haben.

Die EU räumt dennoch Übergangsfristen ein. Ein namentlich nicht genannter deutscher Abnehmer erhielt bereits eine Ausnahmegenehmigung — gültig bis Mai 2028. Das zeigt, wie tief die europäische Halbleiterindustrie von chinesischen Komponenten abhängt.

Konstruktiv, aber nicht mehr heiß

Die Aktie notiert aktuell bei 80,30 Euro und damit rund 10 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 89,67 Euro. Der RSI liegt bei 60,4 — konstruktiv, aber nicht überhitzt. Die 30-Tage-Volatilität von annualisiert knapp 72 Prozent bleibt hoch.

Das Dresdner Werk liefert ab Juli erstmals echte Kapazitätsdaten. Ob die Produktionsrampe die aktuelle Bewertung von 34x Forward-Earnings rechtfertigt, wird sich spätestens im nächsten Quartalsbericht zeigen.