Vor wenigen Wochen feierten Analysten Intel noch als Comeback-Geschichte des Jahres. Jetzt reden sie über strukturelle Probleme in der Foundry-Sparte, verpasste Aufträge und einen Kurs, der binnen 30 Tagen fast die Hälfte seines Wertes verloren hat. Zwischen diesen beiden Erzählungen liegt eine einfache Frage: War die Rally im Sommer echte Substanz — oder nur Vorschusslorbeer für ein Versprechen, das Intel noch einlösen muss?

Der Kurs jedenfalls hat entschieden. Am Mittwoch schloss die Aktie bei 71,55 Euro, ein Minus von 5,86 Prozent an einem einzigen Tag. Über sieben Tage steht ein Rückgang von 18,64 Prozent, über einen Monat sind es 41,49 Prozent. Der RSI von 31,1 signalisiert überverkauftes Terrain — technisch also eine Verschnaufpause, fundamental aber ein Warnsignal, dass der Markt dem Management gerade nicht traut.

Die Lücke zwischen Ankündigung und Auftrag

Im Zentrum der Skepsis steht die Foundry-Sparte. Intel hat gerade das RAMP-C-Pilotprogramm für das US-Verteidigungsministerium auf seinem 18A-Prozess abgeschlossen — ein Achtungserfolg, kein Durchbruch. Namen wie Nvidia oder Qualcomm, die als Großkunden für externe Fertigung gehandelt werden, fehlen weiterhin auf der Auftragsliste.

Hinzu kommen Berichte über Verzögerungen und Ausbeuteprobleme beim 18A-Prozess. Genau dieser Prozess sollte Intels Rückkehr zur Fertigungssouveränität beweisen. Samsung Foundry meldet für 2026 einen deutlichen Sprung beim Umsatzanteil aus KI-Chips. Intels externes Foundry-Geschäft bleibt dagegen überschaubar — der Abstand zur asiatischen Konkurrenz ist noch groß.

Ein ungewöhnlicher Schritt bei der IP-Strategie

Wirklich bemerkenswert ist ein anderer Move: Intel lizenziert seine Atom-Prozessortechnologie an RosaicLabs, ein Startup mit Verbindungen zu Vertrauten von CEO Lip-Bu Tan. Für ein Unternehmen, das seine geistigen Eigentumsrechte traditionell wie einen Tresor verwaltet hat, ist das eine kleine Revolution.

Die Lesart: Intel will ein Ökosystem aus x86-basierten Custom-Chips aufbauen, um seine unterausgelasteten Fabriken zu füllen. Ob das eine kluge Öffnung ist oder ein Zeichen wachsenden Drucks, hängt vom Blickwinkel ab — vermutlich ist es beides. Fest steht: Wer freiwillig sein wertvollstes IP teilt, tut das selten aus reinem Überfluss.

Der Markt jedenfalls blickt auf das Hier und Jetzt. Die Prognosen für die Gaudi-KI-Beschleuniger enttäuschen, und Intel verliert im Rechenzentrumsgeschäft weiter Marktanteile an AMD und Nvidia. Das trifft die langfristige These härter als jede einzelne Quartalszahl.

Zwischen Rekordrally und Bewertungslücke

Der Jahresverlauf zeigt, wie extrem die Schwankungen waren. Trotz des aktuellen Ausverkaufs steht die Aktie seit Jahresbeginn immer noch mit 127,87 Prozent im Plus — ein Nachhall der Rally, die den Kurs Ende Juni auf ein 52-Wochen-Hoch von 124,58 Euro trieb. Seit diesem Hoch hat Intel 42,57 Prozent verloren.

Die annualisierte Volatilität von 73,71 Prozent unterstreicht, wie nervös der Markt diese Aktie derzeit handelt. Der Analystenkonsens sieht ein Kursziel von 101,22 Euro — für manche Beobachter ein Hinweis darauf, dass die aktuelle Stimmung deutlich pessimistischer ist als die langfristige Bewertung der Substanz.

Makro-Gegenwind trifft auf hausgemachte Probleme

Intel fällt nicht im luftleeren Raum. Die US-Notenbank hält die Zinsen trotz mehrerer Gegenstimmen für eine Erhöhung stabil, während steigende Ölpreise die Inflationssorgen befeuern. Für ein Unternehmen, das milliardenschwere Investitionen in neue Fabriken plant, verteuert das die Kapitalkosten spürbar.

Mit einer Marktkapitalisierung von 382,25 Milliarden Euro bleibt Intel ein Schwergewicht der Halbleiterbranche. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die IP-Lizenzdeals und Verteidigungsaufträge einen Boden bilden können. Oder ob die strukturellen Probleme der Foundry-Sparte den Kurs weiter in Richtung des 200-Tage-Durchschnitts von 58,15 Euro ziehen.