Nach einer wochenlangen Durststrecke schöpfen Anleger beim US-Halbleiterkonzern Intel wieder Hoffnung. Gestern legten die Papiere im europäischen Handel um 2,7 Prozent auf 82,09 Euro zu.

Maßgeblicher Auslöser für das wiedererwachte Interesse war das Ende einer fast vierjährigen Skepsis an der Wall Street: Die US-Großbank JPMorgan gab ihre negative Einstufung auf und hob die Aktie von „Underweight“ auf „Neutral“ an, während das Kursziel bei 85 US-Dollar belassen wurde.

Analyst Harlan Sur begründete den Schritt mit einem deutlich ausgewogeneren Risiko-Rendite-Profil nach dem jüngsten Kursrücksetzer. Zudem zeige die operative Umsetzung unter Konzernchef Lip-Bu Tan spürbare Fortschritte, insbesondere bei modernen Fertigungsverfahren.

Agentische KI und knappe Fertigungskapazitäten

Ein wesentlicher Treiber für künftige Ertragsschübe liegt laut JPMorgan in der steigenden Nachfrage nach Rechenleistung für agentische künstliche Intelligenz. In Kombination mit branchenweit knappen Kapazitäten bei führenden Fertigungsknoten könnten die Gewinnschätzungen bis 2027 nach oben angepasst werden. Für das Geschäftsjahr 2028 liegt die Gewinnschätzung je Aktie bei der Bank bereits rund 15 Prozent über dem aktuellen Marktkonsens.

Zusätzliche Impulse verspricht sich der Konzern von neuen Produkten für Rechenzentren. Erst kürzlich stellte Intel Beschleuniger der Serie GPU D für Inferenzanwendungen vor und meldete die unmittelbare Unterstützung von Metas Open-Source-Modell Muse Spark auf eigenen Xeon-Prozessoren. Zudem sicherte sich Intel mit Tesla einen prominenten Partner, der den künftigen Fertigungsprozess 14A im Rahmen des Foundry-Geschäfts nutzen will.

Marktanteilsverluste belasten das Kerngeschäft

Trotz der ermutigenden operativen Signale steht der Chipkonzern vor erheblichen strukturellen Herausforderungen. Seit November 2022 sank Intels Anteil am weltweiten Umsatz mit x86-Serverprozessoren von 77 Prozent auf 53 Prozent, während der Anteil im PC-Markt von 81 Prozent auf 68 Prozent nachgab. Harlan Sur rechnet damit, dass sich diese Marktanteilsverluste im Serverbereich über weitere Quartale fortsetzen dürften.

Auch das Foundry-Geschäft erfordert weiterhin Geduld. Mit einer annualisierten Umsatzrate von knapp einer Milliarde US-Dollar bei externen Foundry-Kunden im ersten Halbjahr 2026 bleibt Intel weit hinter dem Marktführer TSMC zurück, der rund 150 Milliarden US-Dollar erlöst. Zudem warnen Branchenbeobachter davor, dass der freie Cashflow bis 2027 belastet bleiben könnte, da die Restrukturierung laut Tan erst zu rund 80 Prozent abgeschlossen ist.

Bilanztest am 29. Oktober

Ob der jüngste Stimmungsumschwung trägt, entscheidet sich in der kommenden Woche. Am 29. Oktober legt Intel die Geschäftszahlen für das dritte Quartal vor. Das Management stellte zuletzt einen Quartalsumsatz in einer Spanne von 15,8 bis 16,8 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Nach dem kräftigen Anstieg seit Jahresbeginn um 161 Prozent müssen die vorgelegten Zahlen nun belegen, dass die operative Wende im Tagesgeschäft greift.