Intuitive Surgical ist am 22. Juli 2026 auf ein neues 52-Wochen-Tief gefallen, obwohl der Hersteller des da-Vinci-Operationsroboters die Erwartungen im zweiten Quartal übertroffen hatte. Der Kurs notiert aktuell bei 299,35 Euro und liegt damit nur noch 0,44 Prozent über dem am 23. Juli markierten 52-Wochen-Tief von 298,05 Euro. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 38,80 Prozent an Wert verloren. Anleger reagierten damit nicht auf die Zahlen selbst, sondern auf ein tieferliegendes Problem: das nachlassende Wachstumstempo bei den Eingriffen mit den da-Vinci-Systemen in den USA.

Starke Zahlen, schwaches Signal

Im zweiten Quartal verdiente Intuitive Surgical 2,80 US-Dollar je Aktie und übertraf damit die Konsensschätzung von 2,48 US-Dollar deutlich. Der Umsatz kletterte auf 2,89 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 18,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch die Profitabilität verbesserte sich: Die bereinigte Bruttomarge stieg um 30 Basispunkte auf 70 Prozent, die bereinigte operative Marge legte um 330 Basispunkte auf 42 Prozent zu. Das Unternehmen hob seine Prognose für die Bruttomarge im Gesamtjahr auf 68 bis 69 Prozent an.

Der entscheidende Wermutstropfen steckte im Detail: Das Wachstum der da-Vinci-Prozeduren in den USA verlangsamte sich im zweiten Quartal auf rund 12 Prozent und blieb damit unter dem bisherigen Trend. Die Jahresprognose für das globale Prozedurenwachstum liegt bei 13,5 bis 15,5 Prozent. Für ein Unternehmen, dessen Bewertung traditionell stark auf anhaltend hohem Prozedurenwachstum fußt, wiegt diese Abschwächung schwerer als der Gewinnüberschuss. Die Aktie wird derzeit mit dem 9,89-Fachen der erwarteten Jahresumsätze gehandelt – der niedrigste Wert seit 18 Monaten, verglichen mit einem Median von 15,89.

Konkurrenz durch Johnson & Johnson nimmt Gestalt an

Zusätzlichen Druck erzeugte die Nachricht, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA am 22. Juli 2026 Johnson & Johnson die Marktzulassung für dessen Operationsroboter Ottava erteilt hat. Das System ist das erste in den USA zugelassene, tischintegrierte Robotersystem für Weichteilchirurgie und reduziert den Platzbedarf im OP-Saal Berichten zufolge um 30 bis 50 Prozent. Erste zugelassene Eingriffe umfassen Magenbypass, Gastrektomie, Gallenblasenentfernung, Schlauchmagen-Operationen, Appendektomie und die Reparatur von Hiatushernien. Johnson & Johnson plant nach eigenen Angaben eine schrittweise kommerzielle Einführung und will die Expansion später nach Japan und Westeuropa ausweiten.

Ottava tritt damit direkt gegen da Vinci sowie den Hugo-Roboter von Medtronic an. Weltweit werden bislang erst rund 8 Prozent aller Operationen roboterassistiert durchgeführt, was beiden Anbietern grundsätzlich Wachstumsspielraum lässt. Ein Analyst von J.P. Morgan geht davon aus, dass Johnson & Johnson zunächst weitere Zulassungen etwa für urologische Eingriffe anstreben dürfte, da Intuitive Surgical in diesem Marktsegment mit da Vinci weiterhin dominiert.

Analysten kappen Kursziele, Meinungen gehen auseinander

Die Reaktionen der Analysten fielen uneinheitlich, aber überwiegend vorsichtiger aus. Bernstein senkte sein Kursziel von 750 auf 685 US-Dollar, Stifel von 670 auf 550 US-Dollar. Citigroup reduzierte sein Ziel auf 500 US-Dollar, TD Cowen auf 520 US-Dollar. Goldman Sachs hält dagegen an einem Kursziel von 558 US-Dollar fest. Deutlich skeptischer positioniert sich Deutsche Bank mit einer Verkaufsempfehlung und einem Kursziel von 366 US-Dollar. Simply Wall St senkte seine Fair-Value-Schätzung von 565,25 auf 501,73 US-Dollar und begründete dies mit einer niedrigeren Umsatzwachstumsannahme von nun 12,14 statt zuvor 13,09 Prozent.

Auch institutionelle Investoren positionierten sich zuletzt unterschiedlich: Dimensional Fund Advisors erhöhte seine Beteiligung im ersten Quartal 2026 um 3,6 Prozent auf 645.181 Aktien, während CI Investments seinen Bestand im selben Zeitraum um 33,1 Prozent reduzierte und 61.937 Aktien verkaufte. Zusätzlich verkauften Insider Anteile: SVP Iman Jeddi trennte sich Anfang Juni von 5.625 Aktien zu 420,55 US-Dollar, EVP Gary Loeb veräußerte Mitte Juni 400 Aktien zu 424,14 US-Dollar. Für Anleger bleibt die zentrale Frage, ob die verlangsamte Prozedurendynamik in den USA eine vorübergehende Delle darstellt oder den Beginn einer strukturellen Verschiebung im Wettbewerbsumfeld der Roboterchirurgie markiert.