Ein Umsatzplus von 19 Prozent, ein Gewinn deutlich über den Erwartungen – und trotzdown krachte die Aktie von Intuitive Surgical binnen weniger Handelstage um 14 Prozent ein, auf den tiefsten Stand seit Anfang 2024. Der Grund liegt nicht in den nackten Zahlen, sondern in dem, was zwischen den Zeilen der Prognose steht: Das Wachstum beim da-Vinci-Verfahrensvolumen verlangsamt sich sichtbar, und die Konkurrenz durch Johnson & Johnson tritt nun mit einem eigenen Robotersystem auf den Plan.
Quartalszahlen übertreffen die Erwartungen deutlich
Im zweiten Quartal 2026 verdiente Intuitive Surgical je Aktie bereinigt 2,80 US-Dollar, während Analysten im Schnitt nur 2,48 Dollar erwartet hatten. Der Umsatz kletterte um 19 Prozent auf 2,89 Milliarden Dollar und lag damit über der Konsensschätzung von 2,83 Milliarden Dollar. Auf den ersten Blick ein klarer Doppel-Beat. Entscheidend für die Kursreaktion war jedoch die Jahresprognose für das Wachstum der da-Vinci-Prozeduren: Das Unternehmen beließ die Spanne bei 13,5 bis 15,5 Prozent, rückte den erwarteten Wert aber näher an die Mitte dieser Spanne. Das signalisiert eine Verlangsamung – von 17 Prozent Wachstum im ersten Quartal auf 15 Prozent im zweiten. Für ein Unternehmen, dessen Bewertung seit Jahren auf ungebrochenem zweistelligem Wachstum fußt, war das offenbar Grund genug für den scharfen Kursrutsch.
Analysten bleiben grundsätzlich positiv, senken aber Kursziele
Das Analystenhaus William Blair bestätigte trotz der Kursreaktion sein „Outperform“-Rating, verwies aber ausdrücklich auf zwei Belastungsfaktoren: zunehmende Konkurrenz in China sowie eine niedrigere Einschreibequote in US-Krankenversicherungsprogramme nach dem Auslaufen erweiterter ACA-Subventionen – die Zahl der Versicherten über den Obamacare-Marktplatz war zuletzt von 22,1 auf 19,2 Millionen gesunken. Beide Effekte könnten mittelfristig die Nachfrage nach elektiven Operationen dämpfen, dem Kerngeschäft für da-Vinci-Systeme.
Andere Häuser reagierten mit gesenkten, aber weiterhin deutlich über dem aktuellen Kursniveau liegenden Zielmarken: Baird reduzierte sein Kursziel auf 500 Dollar bei „Outperform“, Bank of America auf 515 Dollar, Mizuho auf 500 Dollar bei neutraler Einstufung. Der breitere Analystenkonsens aus 21 Kauf-, sechs Halte- und einer Verkaufsempfehlung sieht ein Kursziel von rund 523 US-Dollar – gemessen am zuletzt gehandelten Kursniveau ein erhebliches Aufwärtspotenzial. Auffällig ist zugleich der Gegensatz zwischen institutionellem Zukauf und Insider-Verkäufen: Die Bank of Nova Scotia stockte ihre Position im ersten Quartal um 13,9 Prozent auf, während Firmeninsider wie Direktorin Amy Ladd und der leitende Angestellte Iman Jeddi Aktien zu deutlich höheren Kursen von 473,46 beziehungsweise 420,55 Dollar verkauften.
Johnson & Johnson greift mit eigenem OP-Roboter an
Am Freitag erhielt zudem ein Wettbewerber grünes Licht von der US-Arzneimittelbehörde: Johnson & Johnson bekam für sein OTTAVA-System die De-Novo-Zulassung – laut Unternehmensangaben die weltweit erste in den OP-Tisch integrierte Robotikplattform für Weichteilgewebe. Das System soll die Stellfläche im OP-Saal um 30 bis 50 Prozent gegenüber konventionellen Systemen reduzieren und wird zunächst in ausgewählten US-Kliniken kommerziell eingeführt. Für Intuitive Surgical bedeutet das einen weiteren ernstzunehmenden Konkurrenten im Markt für robotergestützte Chirurgie, der laut Marktforschungsdaten bis 2030 von aktuell rund 170 Milliarden auf über 250 Milliarden Dollar wachsen soll – ein Wachstumsfeld, das Intuitive bislang weitgehend dominiert hat.
Charttechnik zeigt überverkauftes Niveau
Am Kapitalmarkt hat der Ausverkauf tiefe Spuren hinterlassen. Zum Handelsschluss am Freitag notierte die Aktie bei 296,35 Euro, ein Plus von 1,58 Prozent auf Tagessicht – ein kleiner Erholungsversuch nach dem heftigen Einbruch der Vorwoche. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Minus von 39,42 Prozent zu Buche. Zum 52-Wochen-Tief von 289,05 Euro, erst am 23. Juli markiert, beträgt der Abstand nur noch 2,53 Prozent – die Aktie handelt also nahe ihrem Jahrestief. Der Relative-Stärke-Index von 31,9 deutet auf eine überverkaufte Situation hin, die technisch orientierte Anleger als möglichen Ansatzpunkt für eine Gegenbewegung werten könnten. Fundamental bleibt die entscheidende Frage für Anleger, ob sich die Wachstumsverlangsamung bei den da-Vinci-Prozeduren als vorübergehende Delle oder als strukturelle Zäsur erweist – insbesondere angesichts des nun konkreteren Wettbewerbsdrucks durch Johnson & Johnson.
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