Die Geschichte von ITM Power gleicht einer perfekten Parabel. Von einem Tief bei 0,65 Euro im Februar schoss der Kurs bis Ende Mai auf 2,58 Euro. Der Wasserstoff-Spezialist aus Sheffield komprimierte jahrelange Branchenhoffnung in wenige Monate.

Aktuell stürzt das Papier ab. Bei einem Kurs von 1,49 Euro verliert die Aktie allein heute fast zwölf Prozent. Das lehrt eine schmerzhafte Lektion. Die Distanz zwischen einer guten Geschichte und echten Ergebnissen misst der Markt in Kursverlusten.

Das Paradoxon der Zahlen

Hinter dem aktuellen Lärm an der Börse zeigt der Trend nach oben. Der Umsatz im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 erreichte einen Rekordwert von 18 Millionen Pfund.

Daraufhin hob das Management die Jahresprognose an. Das Unternehmen erwartet nun 40 bis 43 Millionen Pfund Umsatz.

Auch der Auftragsbestand von 152 Millionen Pfund liest sich solide. Gut 71 Prozent dieser Verträge arbeiten profitabel. Parallel dazu schrumpfte der bereinigte operative Verlust auf 11,9 Millionen Pfund.

Ein weiterer Pluspunkt ist das dicke Finanzpolster. ITM Power rechnet nun mit Barmitteln von bis zu 215 Millionen Pfund. Der britische Staat stützt das Unternehmen massiv. Great British Energy sicherte sich für 86,5 Millionen Pfund knapp elf Prozent der Anteile.

Ein geplanter staatlicher Zuschuss über 46,5 Millionen Pfund finanziert eine neue Produktionslinie. Das bannt das Risiko einer Kapitalerhöhung.

Rheinmetall liefert einen weiteren Impuls. Das gemeinsame Giga-PtX-Projekt plant dezentrale Anlagen in ganz Europa. Jede Fabrik soll jährlich bis zu 7.000 Tonnen synthetischen Kraftstoff produzieren. Diese Allianz öffnet einen völlig neuen Markt.

Warum also stürzt die Aktie in wenigen Tagen um 42 Prozent ab, wenn das Geschäft floriert? Märkte bewerten nicht die Vergangenheit. Sie preisen ein, was als Nächstes passiert.

Der Preis der Ungeduld

Für ITM Power stehen im Juni drei binäre Entscheidungen an. Die Rally der letzten Monate feierte diese Ereignisse bereits als sichere Erfolge. Nun fordert der Markt eine Risikoprämie.

Erstens prüft die britische Wettbewerbsbehörde den Millionenzuschuss für das Chronos-Projekt. Die Anlage in Sheffield soll bis 2028 ein Gigawatt Kapazität erreichen.

Zweitens läuft die britische Wasserstoff-Auktion. Hier geht es um Kapazitäten von bis zu 875 Megawatt. ITM Power gilt bei zwei Projekten als bevorzugter Lieferant. Die Entwickler haben aber noch keine finale Investitionsentscheidung getroffen.

Drittens wartet der Markt auf Uniper. Der Energiekonzern plant das Humber H2ub-Projekt in Killingholme. ITM Power soll für die erste Phase sechs Module mit je 20 Megawatt liefern. Die finale Entscheidung von Uniper fällt voraussichtlich noch in diesem Monat.

Die Aktie hatte alle drei Erfolge gleichzeitig vorweggenommen. Kurz gesagt: ein Risiko. Genau das ist die strukturelle Schwäche vieler Wasserstoff-Werte. Ihre Bewertung ruht auf ausstehenden Entscheidungen statt auf verbuchten Umsätzen.

Zwischen Realität und Risiko

Der breite Markt für grünen Wasserstoff verschwindet nicht. Die Regulierung bleibt vorteilhaft. Neue Subventionen in Großbritannien und Europa stützen die Nachfrage. ITM Power sitzt geografisch genau im Zentrum dieser Entwicklung.

Ein buchhalterischer Wechsel erschwert jedoch den Blick von außen. Das Unternehmen verbucht Umsätze nun über die gesamte Laufzeit der Verträge. Das ist ein echter Fortschritt. Die ausgewiesenen Zahlen bewegen sich dadurch aber schneller als die tatsächlichen Zahlungsströme.

Trotz des jüngsten Absturzes bleibt das langfristige Bild intakt. Seit Jahresbeginn steht noch immer ein Plus von rund 105 Prozent auf der Tafel. Der Kurs notiert knapp 50 Prozent über seiner 200-Tage-Linie.

Privatanleger nutzen den Rücksetzer offenbar zum Einstieg. Bei einem großen britischen Broker machten Käufe kürzlich 63 Prozent der morgendlichen Orders aus.

Auch Analysten bleiben gespalten. Jefferies hob das Kursziel auf 200 Pence an. Morgan Stanley rechnet bereits im Geschäftsjahr 2028 mit einem operativen Gewinn.

Der aktuelle Preis von 1,49 Euro ist kein finales Urteil über das Potenzial von ITM Power. Er zeigt lediglich, wie viel Sicherheit der Markt vor den anstehenden Juni-Entscheidungen verlangt. Liefern Uniper und die britische Regierung in den kommenden Wochen die erhofften Aufträge, verliert der aktuelle Ausverkauf schnell seine Berechtigung.