ITM Power schwankt zwischen zwei Erzählungen. Die eine handelt von Rüstungskooperationen und Kursziel-Anhebungen, die andere von einem Unternehmen, das seit Jahren rote Zahlen schreibt. Am Donnerstag zeigt sich diese Zerrissenheit in Reinform: Die Aktie fällt um 2,93 Prozent auf 1,46 Euro, nachdem sie in den vergangenen sieben Tagen noch 13,57 Prozent zugelegt hatte.
Auslöser der jüngsten Rally war eine Neubewertung durch Berenberg. Die Analysten heben ihr Kursziel von 110 auf 200 britische Pence an und bestätigen ihr Kaufvotum. Begründung: die Partnerschaft mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall im Rahmen des Giga-PtX-Projekts. Sie eröffne ITM Power einen völlig neuen Absatzmarkt jenseits klassischer grüner Wasserstoff-Anwendungen.
Der fundamentale Kontrast bleibt jedoch bestehen. Die Aktie notiert 43,52 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 2,58 Euro und liegt fast 17 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,75 Euro. Bevor das neue Kursziel als bestätigt gelten kann, muss der Markt dieser Skepsis erst begegnen.
Die entscheidende Frage
Für Investoren zählt letztlich nur eines: Kann ITM Power seine wachsende Projekt-Pipeline in verbindliche, umsatzwirksame Verträge verwandeln, bevor die Geduld des Marktes mit einer weiterhin defizitären Bilanz aufgebraucht ist? Der nächste konkrete Test heißt Cromarty. Bei diesem grünen Wasserstoff-Projekt in Schottland übernimmt Partner Protium Green Solutions die Stromversorgung, Genehmigungen und Vertriebsinfrastruktur. Die finale Investitionsentscheidung ist für Dezember 2026 angesetzt. Ob sie termingerecht und zu günstigen Konditionen fällt, dürfte maßgeblich bestimmen, welche der aktuell weit auseinanderliegenden Analystenbewertungen näher an der Realität liegt.
Bull-Szenario
Die optimistische Sichtweise stützt sich auf mehrere sich verstärkende Entwicklungen. Berenberg hebt besonders die Verteidigungsschiene hervor: Die Rheinmetall-Kooperation zielt nicht auf Dekarbonisierung, sondern auf Energiesicherheit für Streitkräfte. Grüne Kraftstoffe könnten dort eine robuste Alternative zu Diesel und Kerosin bieten, wo Elektrifizierung technisch nicht möglich ist.
Berenberg steht mit dieser Einschätzung nicht allein. Der zentrale Fair-Value-Anker für ITM Power ist von 1,19 auf 1,31 Pfund gestiegen, während weitere Analysten ihre Modelle aktualisieren. Aktuelle Kursziele bewegen sich in einer Spanne von 1,10 bis 2,00 Pfund, begleitet von diversen Rating-Anpassungen.
Hinzu kommen strukturelle Rückenwinde jenseits einzelner Verträge. Staatlich geförderte Wasserstoffprogramme und regulatorische Unterstützung in Europa könnten die Auftrags-Pipeline und Umsatzsichtbarkeit stärken. Parallel dazu sollen die Produktplattformen Trident und Neptune, die kommende Chronos-Linie sowie ein wiederkehrendes Hydropulse-Modell die Marge und den Cashflow verbessern. Sollte die Cromarty-Partnerschaft vom Memorandum zu verbindlichem Kapital reifen und die Chronos-Fertigung wie geplant hochlaufen, hätten Optimisten endlich den Nachweis der Umsetzungsfähigkeit, den der Markt bislang vermisst.
Bear-Szenario und Risiken
Das Gegenargument: Der Optimismus ist der Lieferung wiederholt vorausgeeilt. Selbst nach der jüngsten Aufwertungswelle zeigt sich am Markt weiterhin ein gemischtes Bild bei den Ratings. Ein Teil der Analysten bleibt vorsichtig, was Ausführungsrisiko und Timing angeht.
Simply Wall St benennt konkrete operative Risikofaktoren hinter den Schlagzeilen-Kurszielen: unregelmäßige Umsatzrealisierung, Unterauslastung der Fabriken und Herausforderungen des Build-Own-Operate-Modells. Auch die Finanzierung einzelner Projekte bleibt ein Unsicherheitsfaktor.
Die Spanne zwischen den optimistischsten und den konservativsten Bewertungen bleibt extrem groß. Selbst der überarbeitete Fair-Value-Anker von 1,31 Pfund liegt weit unter Berenbergs neuem Kursziel von 200 Pence – diese Lücke signalisiert selbst, wie ungeklärt der Investment-Case bleibt.
Entscheidend: Die Cromarty-Entscheidung liegt noch mehr als fünf Monate in der Zukunft. Der konkreteste kurzfristige Katalysator ist also noch nicht erreicht – nur terminiert, nicht bestätigt. Das charttechnische Bild spiegelt diese ungelöste Spannung wider. Der Kurs verlor in 30 Tagen 31,77 Prozent, der 50-Tage-Durchschnitt liegt fast 17 Prozent über dem aktuellen Niveau. Die annualisierte Volatilität von 114,51 Prozent zeigt: Der Markt handelt diese Aktie weiterhin wie eine binäre Wette auf ein Ereignis, nicht wie ein Investment mit sichtbaren Erträgen.
Ausblick
Solange die Cromarty-Entscheidung und die breitere Protium- und Rheinmetall-Pipeline unentschieden bleiben, dürfte der ITM-Power-Kurs mit jeder neuen Analystenstimme und jedem Projekt-Update weiter schwanken, statt sich in einer stabilen Bewertungsspanne einzupendeln. Fällt die Cromarty-Entscheidung im Dezember 2026 termingerecht und zu günstigen Konditionen, und verläuft der Chronos-Hochlauf ohne die Rückschläge früherer Jahre, gewinnt das obere Ende der Analystenspanne – inklusive Berenbergs 200-Pence-Ziel – erheblich an Glaubwürdigkeit.
Verschiebt sich die Entscheidung dagegen, wird sie zurückgestutzt oder scheitert an der Finanzierung, könnte die Aktie Richtung ihres 200-Tage-Durchschnitts von 1,06 Euro zurückfallen – aktuell 37,86 Prozent unter dem gegenwärtigen Kurs, aber ein möglicher technischer Boden nach unten. Mit einem RSI von 45,6 liefert das Chartbild derzeit kein klares Richtungssignal aus sich selbst heraus. Der eigentliche Test wird sein, wie sich der Cromarty-Prozess in der zweiten Jahreshälfte 2026 entwickelt.
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