Ein Drittel des Börsenwerts in einem halben Jahr vernichtet — und das bei einem Unternehmen mit Rekordauftragsbestand. Bei Kratos Defense klaffen Kursentwicklung und operative Realität weit auseinander.

Der Waffenstillstand als Kurstreiber nach unten

Den letzten Schlag versetzte der Aktie die Ankündigung eines US-iranischen Interimsabkommens. Präsident Trump verkündete eine 60-tägige Waffenruhe, die intensive Verhandlungen über den Status der Straße von Hormus und Irans Atomprogramm einleiten soll. Für Verteidigungsaktien war das ein Signal zum Verkaufen.

Kratos schloss am Montag bei 44,94 Euro — ein Minus von fast 34 Prozent seit Jahresbeginn. Das 52-Wochen-Hoch von 114,00 Euro, erreicht am 20. Januar, liegt mehr als 60 Prozent über dem aktuellen Kurs. Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren.

Ob der Waffenstillstand hält, ist offen. Bricht er zusammen, dürfte die Nachfrage nach Verteidigungstechnologie schnell wieder anspringen.

Operative Zahlen zeigen ein anderes Bild

Hinter dem Kursrückgang steckt ein Unternehmen, das operativ Fahrt aufnimmt. Im ersten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 22,6 Prozent auf 371 Millionen Dollar. Das Segment für unbemannte Systeme legte sogar 30,9 Prozent zu. Der Auftragsbestand erreichte mit 2,01 Milliarden Dollar ein Rekordniveau, das Book-to-Bill-Verhältnis lag bei 1,6x.

Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Kratos einen Umsatz zwischen 1,70 und 1,76 Milliarden Dollar. Die Projektpipeline umfasst mehr als 14 Milliarden Dollar an potenziellen Aufträgen.

JPMorgan setzt auf Erholung — mit Abstrichen

JPMorgan-Analyst Seth Seifman stufte die Aktie von „Neutral“ auf „Overweight“ hoch. Sein neues Kursziel: 82 Dollar, gesenkt von zuvor 99 Dollar. Die Basis dafür ist das 6,5-fache des für 2027 geschätzten Umsatzes von 2,2 Milliarden Dollar.

Seifman lobte Kratos für gewonnene Aufträge, die Partnerschaft mit großen Branchenplayern und die Fähigkeit, hochwertige Systeme zu günstigeren Preisen anzubieten. Für das Hypersonik-Segment modelliert JPMorgan Erlöse von rund 200 Millionen Dollar in 2025, 400 Millionen in 2026 und 700 Millionen in 2027. Hinzu kommt ein erwarteter Alleinauftrag über eine Milliarde Dollar. Die Turbojet-Produktion soll 2027 auf 3.000 Einheiten steigen und 2028 auf 5.000 bis 6.000 skalieren.

Citizens und BTIG blieben vorsichtiger. Citizens senkte das Kursziel auf 105 Dollar, BTIG auf 100 Dollar — beide verwiesen auf geringere Sichtbarkeit bei den Valkyrie-Drohnenverkäufen.

Cashflow bleibt die offene Flanke

Das Wachstum hat seinen Preis. Kratos plant für 2026 einen freien Cashflow-Abfluss von 85 bis 105 Millionen Dollar. JPMorgan rechnet mit rund 98 Millionen Dollar Mittelabfluss, getrieben von Investitionen in Höhe von 165 Millionen Dollar. Nach einer Kapitalerhöhung im Februar hielt das Unternehmen Ende März 1,5 Milliarden Dollar in bar — genug Puffer für die laufende Kapazitätserweiterung.

Parallel demonstrierte Kratos am 13. Juni eine kommerzielle Anwendung seiner Autonomietechnologie: Zwei Lkw fuhren im autonomen Platooning-Modus mehr als 2.500 Meilen von Charlotte, North Carolina, zur Naval Base Coronado in Südkalifornien. Das Unternehmen beschreibt dies als Beweis für seine Dual-Use-Strategie — Verteidigungstechnologie, die auch im zivilen Bereich funktioniert.

Zwei offene Variablen

Der RSI liegt bei 38,2 — die Aktie nähert sich überverkauftem Terrain. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 76 Prozent zeigt, wie binär der Ausblick ist.

Der US-Kongress berät derzeit den Verteidigungshaushalt 2027, der deutliche Ausgabensteigerungen vorsieht. Verabschiedet er sich in dieser Form, käme das Kratos direkt zugute. Rekordauftragsbestand, frische Analystenhochstufung und laufende Haushaltsdebatte — die nächsten Monate dürften für die Aktie richtungsweisend sein.