Der Industriegase-Konzern Linde steht nach der Vorlage seiner jüngsten Geschäftszahlen vor einer zweigeteilten Situation. Während das Unternehmen bei Umsatz, Gewinn und dem Auftragsbestand neue Bestmarken erreichte, rückten operative Herausforderungen und eine strategische Neubewertung einzelner Geschäftsbereiche in den Fokus der Marktteilnehmer. Die Aktie, die am Freitag bei 423,80 Euro schloss, reflektiert diese Gemengelage durch eine erhöhte Volatilität.
Rekordwerte und angehobene Prognose
In dem am 31. Juli abgeschlossenen zweiten Quartal 2026 erzielte Linde einen Rekordumsatz von 9,29 Milliarden US-Dollar. Auch beim bereinigten Gewinn je Aktie (EPS) markierte das Unternehmen mit 4,50 US-Dollar einen historischen Höchstwert und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Die Unternehmensführung reagierte auf die positive operative Entwicklung mit einer Anpassung der Jahresprognose. Für das Gesamtjahr 2026 wird nun ein bereinigtes EPS in einer Spanne von 17,70 bis 17,90 US-Dollar erwartet, was einem Wachstum von acht bis neun Prozent entsprechen würde. Zuvor lag das untere Ende der Prognose bei 17,60 US-Dollar.
Trotz dieser Zuwächse steht das Papier seit der Bekanntgabe unter Druck. Ein wesentlicher Grund dafür war der Rückgang der operativen Marge um etwa 30 Basispunkte im Vergleich zum Vorjahr, wenn man Kostenweiterreichungen ausklammert. Das Management äußerte sich unzufrieden mit dieser Entwicklung und identifizierte insbesondere das US-Heimpflegegeschäft (Homecare) als Belastungsfaktor. Derzeit wird geprüft, ob dieser Bereich langfristig im Portfolio verbleiben soll. Für das laufende dritte Quartal stellt Linde jedoch bereits eine sequentielle Verbesserung der Margen in Aussicht.
Volle Auftragsbücher durch Chip-Boom und Raumfahrt
Ein Gegengewicht zu den kurzfristigen Margensorgen bildet der Auftragsbestand, der zum Quartalsende einen Rekordwert von 8,1 Milliarden US-Dollar erreichte. Im Vergleich zum ersten Quartal entspricht dies einer Steigerung um eine Milliarde US-Dollar. Wesentlich dazu beigetragen haben gewonnene Großprojekte im Elektroniksektor für fortschrittliche Chipfabriken im Westen der USA. Bis zum Jahresende rechnet das Unternehmen damit, dass der Auftragsbestand stabil oberhalb der 8-Milliarden-Marke verbleiben wird.
Zusätzlich zur industriellen Basis festigt Linde seine Rolle in der Hochtechnologie. Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, unterstützte es den Start der NASA-Mission Artemis II am Kennedy Space Center durch die Lieferung von 200.000 Gallonen flüssigem Sauerstoff und den Einsatz mobiler Stickstofftankwagen. Für die zweite Jahreshälfte plant der Konzern zudem den Start von mehr als 20 Projekten mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 1,3 Milliarden US-Dollar.
Analysten reagieren auf operative Entwicklung
Im Nachgang der Zahlenpräsentation passten mehrere Analysehäuser am vergangenen Montag ihre Einschätzungen an, wobei der Grundton positiv blieb. Die Analysten der Deutschen Bank senkten ihr Kursziel geringfügig von 580 auf 575 US-Dollar, behielten jedoch ihre Kaufempfehlung bei. Bernstein hob das Kursziel hingegen von 559 auf 564 US-Dollar an und stufte den Wert weiterhin mit „Outperform“ ein. In der Begründung hieß es, dass der Gewinnzuwachs den Erwartungen entspreche und die Margenprobleme als temporär oder strategisch lösbar angesehen werden.
Trotz der jüngsten Konsolidierung weist die Aktie seit Jahresbeginn ein Plus von 17,07 Prozent auf. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 479,80 Euro hat sich jedoch vergrößert; das Papier notiert derzeit rund 11,67 Prozent unter diesem im Juli erreichten Spitzenwert. Für Anleger bleibt zudem die Dividendenpolitik eine konstante Komponente: Am Donnerstag kündigte Linde eine Bardividende von 1,60 US-Dollar je Aktie an, deren Ex-Tag auf den 3. September festgelegt wurde.
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