Marvell Technology liefert ein Rekordquartal ab und hebt den Ausblick gleich zweimal an. Der Chiphersteller erzielte im ersten Geschäftsquartal 2027 einen Umsatz von 2,418 Milliarden Dollar – 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Grund sei ein „außergewöhnlicher Buchungseingang im KI-Geschäft“, so das Management.

Doch die Aktie notiert bei 260,55 Euro und damit rund 23 Prozent über dem durchschnittlichen Analystenkursziel von 212,68 Euro. Der Markt hat also schon viel Optimismus eingepreist.

Die entscheidende Frage: Kann Marvell das KI-Wachstumstempo halten – oder sind die Erwartungen inzwischen zu hoch?

Das Bull-Szenario: KI als Wachstumsmaschine

Marvell sitzt an einer strategisch günstigen Stelle der KI-Infrastruktur. Während sich der Engpass in Rechenzentren zunehmend von der Rechenleistung zur Konnektivität verschiebt, profitiert der Konzern direkt. Das Verbindungsgeschäft soll im laufenden Geschäftsjahr um über 70 Prozent wachsen – angetrieben durch 800G- und 1,6T-Optiken sowie neue Ethernet-Switches.

Besonders dynamisch entwickelt sich das Custom-Silicon-Segment. Marvell fertigt KI-Chips im Auftrag großer Hyperscaler – darunter Amazon mit Trainium und möglicherweise Google mit TPU. Das Management peilt für 2028 eine Verdopplung dieses Geschäfts an. Das langfristige Ziel: über 10 Milliarden Dollar Jahresumsatz bis 2029.

Ein weiterer Wachstumstreiber könnte der CXL-Markt werden. UBS-Analysten erwarten hier ein Volumen von 4,5 Milliarden Dollar bis 2027 und bis zu 10 Milliarden Dollar bis 2030. Marvell könnte nach Einschätzung der Bank bereits 2027 rund eine Milliarde Dollar mit CXL-Technologie umsetzen.

Hinzu kommt: Die jüngsten Akquisitionen von Celestial AI und XConn Technologies stärken die Position bei optischen Verbindungen und KI-Netzwerken.

Das Bär-Szenario: Abhängigkeit und Wettbewerb

Die Kehrseite des KI-Booms ist eine hohe Klumpenrisiko-Exposition. Marvells Wachstum ruht auf wenigen Großkunden – den Hyperscalern. Verzögert sich ein Deployment oder entscheiden sich Kunden für Eigenentwicklungen, entstehen schnell Umsatzlücken.

Der größte Wettbewerber Broadcom dominiert den Markt für kundenspezifische KI-Chips. Broadcoms Marktanteil liegt deutlich über dem von Marvell. Das schlägt sich auch in den Margen nieder: Broadcom zeigt historisch höhere Non-GAAP-Bruttomargen.

Zusätzlich belasten konjunkturelle Risiken: Ein Abschwung im Halbleiterzyklus, sinkende IT-Ausgaben oder eine Schwäche bei 5G-Infrastruktur könnten Marvells traditionelle Segmente treffen.

Ausblick: Termin im Auge behalten

Die Aktie notiert mit 260,55 Euro rund sieben Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 290,35 Euro. Der RSI von 59,2 deutet auf eine moderate Dynamik hin. Die Volatilität bleibt mit annualisiert 134 Prozent extrem hoch.

Solange Marvell weiter beschleunigendes Wachstum im Rechenzentrumsgeschäft liefert und die hohen KI-Buchungen in tatsächliche Umsätze verwandelt, spricht viel für eine Fortsetzung der positiven Entwicklung.

Der nächste wichtige Termin: der Quartalsbericht für das zweite Geschäftsjahr 2027 in den kommenden Wochen. Er wird zeigen, ob die Datencenter-Dynamik anhält und ob das Management die 2028er-Ziele bestätigt. Scheitern die erwarteten Hochläufe bei Custom Silicon oder 1,6T-Optiken, könnte der Markt die Aktie neu bewerten.