Es gibt Zahlen, die klingen wie ein Tippfehler. Ein Gewinnwachstum von 346 Prozent im Quartal etwa, oder ein Kunde, der seine Lieferzusagen innerhalb von drei Monaten von 119 auf 279 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt.
Genau das ist bei Micron und seinem wichtigsten Abnehmer Nvidia passiert – und trotzdem handelt die Speicherchip-Aktie an der Börse zu einem Vielfachen, das eher an einen Industriewert aus dem vergangenen Jahrzehnt erinnert als an einen Profiteur des größten Investitionszyklus der Technologiegeschichte.
Die Kernfrage, die sich Anleger derzeit stellen müssen, lautet: Ist eine Aktie, die sich binnen zwölf Monaten mehr als versiebenfacht hat, wirklich noch günstig? Bei Micron lautet die rechnerische Antwort erstaunlicherweise Ja – und genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Sommers.
Ein Kunde zahlt jeden Preis
Nvidia hat seine Speicher-Lieferverpflichtungen laut eigenen Angaben auf 279 Milliarden Dollar hochgeschraubt, verteilt auf 92 Milliarden Dollar für den Rest des laufenden Fiskaljahres sowie jeweils rund 87 und 88 Milliarden Dollar für die beiden Folgejahre.
Nvidia-Finanzchefin Colette Kress nannte als Grund den Fokus auf High-Bandwidth-Memory, jenen Speichertyp, der laut Berichten inzwischen 30 bis 40 Prozent der Kosten eines KI-Beschleunigers ausmacht. Wer HBM produziert, sitzt am Nadelöhr der KI-Infrastruktur – und Micron ist neben SK Hynix einer von nur zwei ernstzunehmenden Anbietern außerhalb Chinas.
Dass dieser Boom Spuren in der Marge hinterlässt, zeigt sich bei Nvidia selbst: Die Bruttomarge des Grafikchip-Riesen sinkt von 75 auf 71 bis 72 Prozent, weil Speicher so knapp und teuer geworden ist. Für Micron ist genau das die gute Nachricht.
Das Unternehmen meldete für sein drittes Fiskalquartal einen Umsatz von 41,46 Milliarden Dollar, ein Plus von 346 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und einen Gewinn je Aktie von 25,11 Dollar – deutlich über den Erwartungen von 21,39 Dollar. Für das kommende Quartal stellt Micron einen Gewinn zwischen 30 und 32 Dollar je Aktie in Aussicht.
Die Bewertungsfrage, die niemand erwartet hätte
Und hier wird es paradox: Trotz dieser Zahlen soll Micron nach Berichten nur mit dem rund Sechsfachen der erwarteten Jahresgewinne bewertet sein – bei einem Branchenmedian von fast 30. Analysten von Citi und Goldman Sachs bleiben trotzdem konstruktiv, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten: Citi senkte sein Kursziel zuletzt auf 1.150 Dollar, während Goldman auf ein strukturelles DRAM-Defizit von 5,9 Prozent im Jahr 2027 verweist. Das durchschnittliche Kursziel der von Brokerhäusern beobachteten Analysten liegt bei rund 1.295 Dollar, getragen von einem breiten Konsens aus 31 Kauf- und drei Halten-Einstufungen.
Nicht jeder glaubt an die Story. Investor Michael Burry soll die Aktie bei rund 924 Dollar leerverkauft haben – eine Wette gegen genau jene Bewertungslücke, die andere als Kaufargument lesen. Auch Micron-Chef Sanjay Mehrotra verkaufte kürzlich 40.000 eigene Aktien zu knapp 969 Dollar, was sich als übliche Insider-Diversifikation lesen lässt, aber eben auch als Signal, dass beim Management niemand blind auf immer neue Höchststände setzt.
Am deutschen Handelsplatz notierte die Aktie zuletzt bei 805,10 Euro, rund 27 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 1.103,80 Euro – ein Abstand, der zeigt, dass der Markt selbst bei diesem Ausnahmewachstum längst nicht mehr euphorisch, sondern nervös reagiert. Die Volatilität von 91 Prozent auf Jahressicht unterstreicht, wie schnell sich die Stimmung dreht.
Der eigentliche Wettbewerb liegt woanders
Während sich der Westen an Micron und SK Hynix abarbeitet, holt China auf. Changxin hat nach eigenen Angaben die Massenproduktion von LPDDR6 gestartet, erstmals verbaut im Xiaomi 18 Fold.
Morgan Stanley geht davon aus, dass Chinas ChangXin seine DRAM-Kapazität bis 2028 von 180.000 auf 500.000 Wafer pro Monat steigert und damit Micron beim Marktanteil überholen könnte. Das ist der eigentliche strukturelle Trend hinter der Speicherchip-Rally: ein Wettlauf zwischen amerikanisch-koreanischer Technologieführerschaft und chinesischer Kapazitätsmasse. Micron steht mittendrin – als Nutznießer der KI-Nachfrage von heute und als möglicher Verlierer der Überkapazitäten von morgen.
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