Nach einem der turbulentesten Handelstage der jüngeren Firmengeschichte gibt die Micron-Aktie einen Teil ihrer jüngsten Kursgewinne wieder ab. Am Donnerstag war das Papier im US-Handel um 18,36 Prozent auf 874,66 Dollar gesprungen, nachdem Rivale Samsung vor einer anhaltenden Speicherknappheit bis 2028 gewarnt hatte. Heute dreht der Trend: In Deutschland notiert die Aktie bei 719,60 Euro, ein Minus von 5,19 Prozent auf Tagesbasis. Seit Jahresbeginn bleibt dennoch ein Plus von 185,44 Prozent stehen – der Speicherboom hat den Kurs binnen Monaten vervielfacht.
Rekordquartal befeuert die Rally
Grundlage der Euphorie war das jüngste Fiskalquartal. Micron meldete einen Rekordumsatz von 41,46 Milliarden Dollar, ein Plus von 346 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 25,11 Dollar und übertraf die Konsensschätzung von 20,71 Dollar deutlich. Die Bruttomarge kletterte auf 84,9 Prozent. Für das laufende vierte Quartal stellt der Konzern rund 50 Milliarden Dollar Umsatz und einen Gewinn je Aktie von etwa 31 Dollar in Aussicht, bei einer Bruttomarge von rund 86 Prozent. Die Zahlen sollen am 29. September vorgelegt werden. Micron hat inzwischen 16 langfristige Liefervereinbarungen abgeschlossen, die zusammen 22 Milliarden Dollar an Kundenanzahlungen einbrachten.
Der Ausblick trifft auf eine Branche, die von einer historischen Speicherverknappung spricht. Apple-Chef Tim Cook bezeichnete den Preisanstieg bei Speicherchips als „100-Jahres-Flut“ und räumte ein, sein Unternehmen zahle inzwischen deutlich mehr für Bauteile als im Vorquartal. Genau diese Abhängigkeit macht Micron für Anleger derzeit so interessant – und so schwankungsanfällig.
Gewinnmitnahmen und Sorge vor Überangebot
Der heutige Rückgang folgt einem Muster, das Anleger seit Wochen kennen: heftige Ausschläge in beide Richtungen. Der Kurs war erst am 29. Juli auf 739 Dollar gefallen, bevor die Rally am Donnerstag einsetzte. Neue Unruhe bringt der Börsengang des chinesischen Speicherherstellers CXMT am Montag, dessen Aktie um rund 470 Prozent zulegte. Das Unternehmen hält inzwischen einen Anteil von etwa 8 Prozent am globalen DRAM-Markt, vor einem Jahr waren es erst 3 Prozent. Die Bank HSBC warnte, ein wachsendes chinesisches Angebot könnte die Preisdisziplin der etablierten Hersteller unterlaufen. Der technologische Rückstand von CXMT zu Samsung und SK Hynix wird jedoch weiterhin auf drei bis vier Jahre geschätzt, bei Hochleistungsspeicher HBM spielt der chinesische Anbieter bislang keine relevante Rolle.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt ein Insider-Verkauf: Micron-Chef Sanjay Mehrotra veräußerte Ende Juli im Rahmen eines automatisierten Handelsplans Aktien im Wert von 37,3 Millionen Dollar. Solche planbasierten Verkäufe sind rechtlich unauffällig, wurden von Anlegern angesichts der Kursrally aber genau registriert.
Milliardeninvestition in Singapur
Parallel zur volatilen Kursentwicklung treibt Micron den eigenen Kapazitätsausbau voran. Der Konzern kündigte an, über die kommenden zehn Jahre 24 Milliarden Dollar in eine neue Wafer-Fabrik in Singapur zu investieren. Die Anlage mit rund 700.000 Quadratfuß Reinraumfläche soll in der zweiten Jahreshälfte 2028 die Produktion aufnehmen und schafft nach Unternehmensangaben 1.600 neue Arbeitsplätze. Am selben Standort soll ab 2027 zusätzlich eine Anlage zur Verpackung von HBM-Speicher entstehen. Micron betont, die Kapazitäten flexibel steuern zu wollen, um ein künftiges Überangebot zu vermeiden. Das Projekt reiht sich ein in die bereits angekündigte 100-Milliarden-Dollar-Fabrik im US-Bundesstaat New York sowie den Kauf eines Werks in Taiwan für 1,8 Milliarden Dollar.
Analysten bleiben trotz Schwankungen zuversichtlich
Am Kapitalmarkt überwiegt trotz der Turbulenzen der Optimismus. KeyBanc hob sein Kursziel am 14. Juli auf 1.750 Dollar an, Cantor Fitzgerald geht seit dem 29. Juni sogar von 2.000 Dollar aus. Die Konsensempfehlung lautet weiterhin „Kaufen“. Ein unabhängiger Analyst verweist zusätzlich auf ein verbessertes Chance-Risiko-Verhältnis nach dem jüngsten Kursrückgang: Die strukturelle Nachfrage durch Künstliche Intelligenz und eine im historischen Vergleich moderate Bewertung sprächen für einen schrittweisen Einstieg. Konjunktur- und Wettbewerbsrisiken sowie die hohe Kursvolatilität blieben jedoch bestehen. Wie lange sich der Angebotsengpass am Speichermarkt tatsächlich hinzieht, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie schnell chinesische Anbieter wie CXMT technologisch aufholen.
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