Micron Technology bleibt ein Nervenkitzel für Anleger. Die Aktie des Speicherchip-Herstellers notiert bei 758,10 Euro und verliert am Mittwoch 2,26 Prozent. Vom Rekordhoch aus dem Juni trennen das Papier inzwischen mehr als 31 Prozent.

Trotzdem bleibt die Jahresbilanz spektakulär. Auf Sicht von zwölf Monaten steht ein Plus von 704 Prozent zu Buche. Diese Diskrepanz zwischen kurzfristiger Schwäche und langfristiger Stärke treibt derzeit die Debatte unter Analysten an.

Bank of America rechnet mit hohem Gewinn auch im Abschwung

Vivek Arya, Halbleiter-Analyst bei Bank of America, widerspricht der aktuellen Nervosität am Markt. Seine These: Investoren blicken auf den falschen Zyklus. Arya schätzt, dass Micron selbst unter Annahmen eines klassischen Speicher-Abschwungs fast 100 Dollar Gewinn je Aktie erzielen könnte.

Das wäre mehr als das Achtfache des bisherigen Gewinn-Höhepunkts von rund 12 Dollar aus dem Zyklus 2018. Ein Grund für diesen Strukturwandel: Die Speicherbranche bewegt sich weg von quartalsweisen Preisverhandlungen hin zu langfristigen Lieferverträgen über drei bis fünf Jahre oder länger.

Samsung und Micron rechnen damit, dass künftig 50 bis 70 Prozent der Kapazität unter solche Langfristverträge fallen. Laut Bank of America verschwinden Abschwünge dadurch nicht komplett. Die Planbarkeit für Lieferungen soll aber steigen, die Preisschwankungen sollen sinken.

Als weiteren Stützpfeiler nennt Arya die anhaltend starke Nachfrage nach KI-Infrastruktur. Die Mietpreise für Nvidias Spitzen-GPUs lagen im August nahe historischer Höchststände. Für Arya ein klares Signal: Kunden sehen weiterhin erheblichen wirtschaftlichen Wert im KI-Rechnen. Der eigentliche Engpass liege dabei im integrierten HBM-Speicher der Grafikchips – nicht in den GPUs selbst.

Brutaler Juli, wackliger Rebound

Die neue Zuversicht folgt auf den schlechtesten Monat der Aktie seit über einem Jahrzehnt. Im Juli brach Micron um 28,7 Prozent ein – der schwächste Monatswert seit Juni 2015. Vorausgegangen war ein Kursanstieg von mehr als 300 Prozent in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026.

Hinter dem Absturz steckte ein Mix aus mehreren Faktoren. Gewinnmitnahmen zogen sich durch den gesamten Halbleitersektor. Der Zusammenbruch des Aschenbrenner-Fonds löste zusätzlichen Zwangsverkauf aus. Dazu wuchsen die Sorgen vor chinesischer Konkurrenz im Speichergeschäft.

Im Zentrum dieser Sorge steht ChangXin Memory Technologies (CXMT), das kürzlich an der Börse Shanghai debütierte. Aktuell erzielt das Unternehmen fast seinen gesamten Umsatz mit DRAM-Chips. Sollten die Investitionen in HBM-Technologie aufgehen, könnte CXMT zu einem ernsthaften Rivalen für Micron werden.

Morningstar hält dagegen. Die Analysten verweisen auf eine „erhebliche technologische Hürde“: CXMT fehlt der Zugang zu fortschrittlicher EUV-Lithografie. Dieser Mangel dürfte das Unternehmen daran hindern, die technologische Lücke zu globalen Speicherführern in absehbarer Zeit zu schließen.

Optionsmarkt preist extreme Unsicherheit

Die heftigen Kursschwankungen bei Micron spiegeln sich deutlich im Optionsmarkt wider. Händler bereiten sich dort auf ein ungewöhnlich breites Spektrum möglicher Entwicklungen vor. Die implizite Volatilität liegt bei 82 Prozent – ein Wert, der zeigt: Der Markt sieht die Zukunft der Aktie als komplett offen.

Konkret preist der Markt eine Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent dafür ein, dass Micron das Jahr zwischen etwa 390 und 1.782 Dollar beendet. Das entspricht einem möglichen Kursgewinn von rund 115 Prozent oder einem Verlust von 53 Prozent, ausgehend vom aktuellen Niveau bei etwa 829,5 Dollar.

Trotz dieser Schwankungsbreite überwiegt unter Optionshändlern die positive Stimmung. Für Wetten auf steigende Kurse zahlen sie derzeit etwa 2,3-mal so viel wie für Absicherungen gegen fallende Kurse.

Ausblick

Micron notiert derzeit klar unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 853,58 Euro, aber weiterhin deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 464,15 Euro. Die Aktie bleibt damit ein Schlachtfeld zwischen langfristiger struktureller KI-Nachfrage und kurzfristigen Ängsten vor Überangebot und chinesischer Konkurrenz.

Aryas Gegenthese, dass selbst ein Abschwung historisch starke Gewinne bringen könnte, liefert Argumente für jene Analysten, die den jüngsten Rückgang für übertrieben halten. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell sich die langfristigen Lieferverträge in der Branche durchsetzen.