Microsoft hat mit dem vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 eine Bilanz vorgelegt, die selbst hartgesottene Skeptiker verstummen lassen dürfte. 90,0 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 18 Prozent zum Vorjahr, ein operativer Gewinn von 40,6 Milliarden Dollar – auch hier ein Zuwachs von 18 Prozent. Der Nettogewinn kletterte nach GAAP sogar um 31 Prozent auf 35,8 Milliarden Dollar, das verwässerte Ergebnis je Aktie stieg um 32 Prozent auf 4,81 Dollar. Für mich sind das keine Zahlen, die man als „solide“ abtut – das ist eine Wachstumsdynamik, die man einem Konzern dieser Größenordnung eigentlich nicht mehr zutraut.

Und doch reicht der Blick nicht bis zum Ende der Geschichte, wenn man nur auf die Gewinn- und Verlustrechnung schaut. Parallel zur Rekordbilanz meldet sich eine Klage gegen den Konzern zu Wort, die genau jene Wachstumstreiber ins Visier nimmt, die den Kurs zuletzt beflügelt haben.

Ein Quartal, das die Erwartungen übertrifft

Besonders bemerkenswert finde ich den Blick unter die Motorhaube der Zahlen. Der Sprung im Nettogewinn übertrifft das operative Wachstum deutlich – ein Hinweis darauf, dass Sondereffekte mitgeholfen haben. Tatsächlich weist Microsoft aus, dass die Beteiligung an OpenAI im vierten Quartal einen Nettogewinneffekt von 480 Millionen Dollar beziehungsweise 0,07 Dollar je Aktie beigesteuert hat, aufs Geschäftsjahr gerechnet sogar 4.963 Millionen Dollar beziehungsweise 0,67 Dollar je Aktie. Das ist kein operatives Kerngeschäft, sondern eine Bilanzierungsgröße aus einer Beteiligung – und genau diese Vermengung aus Cloud-Wachstum und Investment-Gewinnen bildet für mich den eigentlichen Knackpunkt der aktuellen Geschichte.

Beim Ausblick bleibt Microsoft selbstbewusst: Für Azure erwartet das Management ein Wachstum von rund 45 Prozent in konstanten Wechselkursen, verbunden mit dem Eingeständnis, dass die Kundennachfrage das verfügbare Angebot weiterhin übersteigt. Das ist eine gute Nachricht für die Preissetzungsmacht, zugleich aber ein Kapazitätsproblem, das sich nicht über Nacht lösen lässt.

Die Klage als Kehrseite der Erfolgsgeschichte

Am 3. August wurde eine Sammelklage bekannt, die Microsoft vorwirft, Investoren über den KI-Assistenten Copilot und die Cloud-Plattform Azure in die Irre geführt zu haben. Die Frist für Aktionäre, sich als Hauptkläger zu melden, läuft nach Medienberichten am 11. August ab – betroffen sind Anleger, die zwischen dem 1. Mai 2025 und dem 28. Januar 2026 Aktien erworben haben. Für mich ist bemerkenswert, dass die Klage exakt jene beiden Wachstumssäulen adressiert, auf denen die aktuelle Rekordbilanz ruht. Ob die Vorwürfe juristisch tragfähig sind, bleibt offen – dass sie überhaupt formuliert werden, zeigt aber, wie sensibel der Markt inzwischen auf jede Diskrepanz zwischen KI-Versprechen und KI-Realität reagiert.

Dass Microsoft parallel am 1. August eine Dividende von 0,91 Dollar je Aktie mit Ex-Tag am 20. August ankündigte, wirkt dagegen wie business as usual – ein Signal der Stabilität in Zeiten, in denen die Schlagzeilen sonst um Klagen und Kapazitätsengpässe kreisen.

Energiehunger und die Frage nach der Substanz

Ein weiteres Puzzlestück liefert der 20-Jahres-Stromabnahmevertrag mit einer Chevron-Tochter, der im Juni unterzeichnet wurde: Eine Anlage in Westtexas soll rund 2,67 Gigawatt Kapazität liefern, die erste Stromlieferung ist für 2028 avisiert. Das unterstreicht, wie weit Microsoft inzwischen in physische Infrastruktur investiert, um sein KI-Versprechen überhaupt einlösen zu können – ein Investitionshorizont, der weit über das nächste Quartal hinausreicht.

Bewertung: Wie viel Rekord ist schon eingepreist?

Der Aktienkurs hat die Rekordzahlen sichtbar honoriert: Am Donnerstag schloss das Papier bei 433,65 Euro, nach einem Plus von 29,35 Prozent binnen 30 Tagen. Der Relative-Stärke-Index von 77,3 signalisiert für mich klar überkaufte Bedingungen – ein Warnzeichen, das nicht ignoriert werden sollte, selbst wenn die fundamentale Story stimmt.

Unterm Strich sehe ich Microsoft an einem Scheidepunkt zwischen operativer Stärke und wachsendem Erklärungsbedarf. Die Zahlen sprechen für sich, die Klage und die überhitzte technische Lage mahnen zur Vorsicht. Wer die Rally der vergangenen Wochen als reines Ergebnis operativer Substanz liest, blendet aus, dass ein erheblicher Teil des Gewinnsprungs aus einer Bilanzierungslogik stammt, die nun juristisch hinterfragt wird. Die Chancen auf weiteres Wachstum überwiegen für mich – doch die Bewertung lässt kaum noch Raum für Enttäuschungen.