Microsoft notiert am Montag bei 409,35 Euro, ein Plus von 1,58 Prozent auf Tagesbasis. Auf Wochensicht steht ein Kursgewinn von fast 20 Prozent. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Ist diese Dynamik noch kaufbar, oder ist der Markt sich selbst vorausgelaufen?

Ein Rekordsprung, der jetzt abkühlt

Ausgangspunkt war der Quartalsbericht zum vierten Fiskalquartal. Microsoft legte an einem einzigen Handelstag rund 500 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung zu. Das übertraf sogar Nvidias bisherigen Rekord von 441 Milliarden Dollar vom 9. April 2025.

Die Zahlen dahinter waren tatsächlich stark. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 4,74 Dollar, der Umsatz stieg um rund 18 Prozent auf über 90 Milliarden Dollar – beides klar über den Erwartungen der Analysten.

Der eigentliche Auslöser war Azure. Die Cloud-Sparte wuchs um 43 Prozent, Microsoft Cloud überschritt erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Genau das erklärt, warum die Aktie inzwischen ein RSI-Niveau von 75,2 erreicht – ein klassisches Überkauft-Signal.

Trotz der Rally liegt der Kurs noch 14,38 Prozent unter dem Rekordhoch von Ende Oktober 2025. Gleichzeitig steht er rund ein Drittel über dem Tief von Ende Juni 2026. Beide Extreme innerhalb weniger Monate – das zeigt, wie nervös dieser Markt mit Microsoft umgeht.

Warum die Fundamentaldaten die Rally stützen

Was diese Rally von reiner Euphorie unterscheidet: Das Management hat nicht nur die Erwartungen übertroffen, sondern die Erzählung rund um die Investitionsausgaben verändert. Genau diese Erzählung hatte die Aktie den größten Teil des Jahres belastet.

Finanzchefin Amy Hood senkte die Prognose für die Investitionsausgaben 2026 auf rund 175 Milliarden Dollar. Zuvor waren rund 190 Milliarden Dollar avisiert.

Der Grund dafür ist technisch, aber wichtig: Microsoft verlängerte die angenommene Nutzungsdauer von Büro- und Rechenzentrumsimmobilien von 15 auf 25 Jahre. Hood kündigte zudem an, dass der Konzern im Fiskaljahr 2027 wieder frei cashflow-positiv sein will – die direkte Antwort auf die größte Sorge des Marktes in diesem Jahr, dass die KI-Investitionen zu einem unbegrenzten Kapitalabfluss werden.

Die Prognose für das laufende Quartal bestärkt, dass es sich nicht um einen Einmaleffekt handelt. Das Management erwartet ein Azure-Wachstum von etwa 45 Prozent währungsbereinigt, deutlich über der Analystenschätzung von rund 41 Prozent.

Auch der Auftragsbestand hat sich sichtbar verbessert. Die kommerziellen Restverpflichtungen (Commercial RPO) stiegen um 8 Prozent auf 678 Milliarden Dollar gegenüber dem Vorquartal. Diese Art von Umsatzsicherheit ist an den Märkten selten – und sie erklärt, warum das durchschnittliche Analystenkursziel von 486,78 Euro, fast 19 Prozent über dem aktuellen Niveau, mehr ist als reine Nachbeben-Euphorie.

Warum Vorsicht angebracht bleibt

Ein RSI über 75, kombiniert mit einem Kurs, der fast 18 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und über 10 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt liegt – das ist ein klassisches Setup für einen kurzfristigen Rückschlag. Egal wie gut die fundamentale Geschichte ist.

Die eigene Kursgeschichte von Microsoft mahnt zur Zurückhaltung. Im April legte die Aktie binnen einer Woche rund 14 Prozent zu – und gab die Gewinne danach komplett wieder ab. Ende Mai wiederholte sich das Muster mit einem Plus von elf Prozent, gefolgt von einem erneuten Rücksetzer. Zweimal in diesem Jahr also derselbe Ablauf: scharfe Rally, dann Erosion.

Hinzu kommt ein strukturelles Risiko, das der starke Quartalsbericht nicht vollständig ausräumt: die Abhängigkeit von einem einzigen KI-Partner. Die Deutsche Bank verwies auf ein „gewisses Konzentrationsrisiko“ bei der OpenAI-Beziehung – gerade angesichts des Aufstiegs von Open-Source-Modellen. Laut Angaben vom Januar entfielen rund 45 Prozent der damals 625 Milliarden Dollar an kommerziellen Restverpflichtungen auf OpenAI allein.

Mein Fazit

Die Neubewertung von Microsoft – weg vom „Capex-Ballast“, hin zu „Capex wird endlich zu Azure-Wachstum und Auftragsbestand“ – wirkt für mich real und durch die berichteten Zahlen gut untermauert, nicht nur durch Stimmung. Das macht die aktuell hohe Bewertung nachvollziehbarer, als es die reine Kursbewegung der vergangenen Woche vermuten lässt.

Trotzdem: Mit einem RSI tief im überkauften Bereich, einer annualisierten Volatilität von über 52 Prozent und einer Vorgeschichte scharfer Rückschläge nach früheren Rallys in diesem Jahr bleibt das Risiko einer kurzfristigen Abkühlung erhöht – selbst wenn die mehrquartalige Wachstumsgeschichte intakt bleibt.