Ein Aktienkurs, der binnen dreißig Tagen um 28,96 Prozent zulegt, klingt nach einer Erfolgsgeschichte ohne Wenn und Aber. Und doch verkaufen ausgerechnet in diesen Tagen mehrere Topmanager von Microsoft eigene Aktien, während im Hintergrund eine Sammelklage tickt. Das ist die eigentliche Geschichte dieses Sommers: Die Cloud- und KI-Rallye ist real, aber sie wird von genau jenen Leuten hinterfragt, die die Bücher am besten kennen.
Ein Quartal, das die Erwartungen sprengte
Am 29. Juli, nach Börsenschluss, lieferte Microsoft Zahlen, die selbst optimistische Prognosen übertrafen. Der Umsatz kletterte im vierten Geschäftsquartal auf 90 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erstmals überhaupt knackte das Azure-Cloudgeschäft im gesamten Geschäftsjahr 2026 die Marke von 100 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn stieg um 31 Prozent auf 35,8 Milliarden US-Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie lag mit 4,74 US-Dollar deutlich über dem von Analysten erwarteten Wert von 4,24 US-Dollar. Azure selbst wuchs währungsbereinigt um 43 Prozent und übertraf damit die von der Wall Street erwarteten rund 40 Prozent. Microsoft 365 Copilot meldete mehr als 30 Millionen zahlende Nutzer, gegenüber 20 Millionen im Quartal davor eine Verdoppelung der Dynamik. Die Reaktion war entsprechend: Die Aktie sprang in der nachbörslichen Handelssitzung am Mittwoch um 8 Prozent.
Das ist die Erzählung, die den KI-Bullenmarkt seit Monaten trägt: Wer in die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz investiert, wird mit Wachstumsraten belohnt, die klassische Softwarekonzerne seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Finanzchefin Amy Hood stellte für das erste Fiskalquartal ein Azure-Wachstum von 45 Prozent auf konstanter Währungsbasis in Aussicht — noch eine Stufe höher als das bereits beeindruckende Vorquartal.
Der Trick mit der Nutzungsdauer
Interessanter als die reinen Wachstumszahlen ist, wie Microsoft die Kosten dieses Wachstums neu einordnet. Die Investitionen in Sachanlagen und Finanzierungsleasing schnellten im Quartal um 69 Prozent auf 41 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig senkte das Unternehmen laut einem Bericht des Wall Street Journal seine Prognose für die Kalenderjahr-2026-Investitionen von rund 190 auf etwa 175 Milliarden US-Dollar — nicht, weil weniger gebaut wird, sondern weil die angenommene Nutzungsdauer von Büro- und Rechenzentrumsimmobilien von 15 auf 25 Jahre verlängert wurde. Das ist ein Bilanzierungshebel, kein Sparprogramm. Er drückt die jährlichen Abschreibungen und lässt die Marge freundlicher aussehen, ohne dass sich am realen Baufortschritt etwas ändert. Wer den KI-Kapitalzyklus verstehen will, sollte genau auf solche Stellschrauben achten — sie entscheiden, wie lange die Euphorie an der Börse mit der Realität der Bilanz Schritt hält.
Insider verkaufen, während die Aktie hoch steht
Just in dieser Phase kräftiger Kursgewinne griffen mehrere Führungskräfte zum Verkaufsknopf. Marketing-Chef Takeshi Numoto verkaufte am 4. August 4.810 Aktien zu einem Durchschnittspreis von 496,48 US-Dollar und erlöste damit knapp 2,4 Millionen US-Dollar — sein größter Aktienverkauf des Jahres und der erste Insiderverkauf des Konzerns seit rund zwei Monaten. Zuvor hatte bereits Chief Commercial Officer Judson Althoff Anfang Juni 15.500 Aktien zu einem gewichteten Durchschnittspreis von 460,988 US-Dollar abgegeben und hielt danach noch gut 110.477 Aktien direkt. Solche Transaktionen sind für sich genommen kein Alarmsignal, doch sie fallen in eine Woche, in der Insiderverkäufe branchenweit auffielen, etwa auch bei Meta.
Parallel läuft eine Sammelklage vor dem US-Bundesgericht für den Western District of Washington, die Käufer von Microsoft-Wertpapieren zwischen Mai 2025 und Ende Januar 2026 erfasst. Die Kläger werfen dem Konzern und vier Führungskräften vor, irreführende Aussagen über den Erfolg der KI-Initiativen, insbesondere die Copilot-Produktfamilie, gemacht und technische wie organisatorische Probleme verschwiegen zu haben — samt einer angeblichen Umleitung von Rechenkapazität weg von Azure. Die Frist für Antragsteller auf die Position des Lead Plaintiff endet am 11. August. Bestätigt ist das Verfahren, nicht aber seine Erfolgsaussicht.
Ein Kursziel als Kontrapunkt
Nicht jeder lässt sich davon beeindrucken. Jefferies-Analyst Brent Thill riet institutionellen Kunden am 3. August, die Aktie unterhalb der 500-Dollar-Marke aufzubauen, und hob sein Kursziel auf 575 US-Dollar an. Im deutschen Handel schloss das Papier am Freitag bei 432,35 Euro und liegt damit rund 9,57 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 478,10 Euro vom 28. Oktober 2025. Am 20. August steht zudem die nächste Dividendenzahlung von 0,91 US-Dollar mit Ex-Tag an. Die Wachstumsstory ist intakt, die Fragezeichen bleiben es auch.
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