Microsoft erlebt die stärkste mehrtägige Kursbewegung seit Oktober 2000. Auslöser ist das am 29. Juli vorgelegte Zahlenwerk zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026, das die Erwartungen der Wall Street auf breiter Front übertroffen hat. Die Rally hat inzwischen auch Goldman Sachs überzeugt: Die Bank hat den Softwarekonzern in ihre viel beachtete „Conviction List“ aufgenommen und dafür Broadcom, ServiceNow und Johnson & Johnson aus der Liste gestrichen.
Azure liefert den entscheidenden Impuls
Microsoft meldete für das vierte Fiskalquartal einen Umsatz von 90,01 Milliarden Dollar, ein Plus von 17,75 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gewinn pro Aktie lag bei 4,74 Dollar und damit rund 11,81 Prozent über dem Analystenkonsens. Treiber war erneut das Cloud-Geschäft: Azure wuchs um 43 Prozent und überschritt erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres stellte das Management ein Wachstum von 45 Prozent zu konstanten Wechselkursen in Aussicht. Die kommerziellen Auftragsbestände (RPO) kletterten um 84 Prozent auf 678 Milliarden Dollar – ein Indiz dafür, wie viel Nachfrage bereits vertraglich gebunden ist. Copilot kommt inzwischen auf 30 Millionen zahlende Nutzer, nach Angaben aus den Zahlen mehr als eine Verdopplung binnen eines Jahres.
Im deutschen Handel schloss die Aktie am Dienstag bei 427,60 Euro, ein Tagesplus von 0,93 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Kursanstieg von 25,41 Prozent zu Buche – ein Tempo, das sich mit der an der Nasdaq beobachteten Bewegung deckt, wo das Papier binnen sieben Handelstagen ähnlich stark zulegte. Trotz der Rally bleibt die Aktie noch 10,56 Prozent von ihrem 52-Wochen-Hoch entfernt, das im vergangenen Oktober markiert wurde. Der Kurssprung hat der Marktkapitalisierung an einem einzigen Tag rund 450 Milliarden Dollar hinzugefügt.
Goldman Sachs sieht noch deutliches Potenzial
Mit der Aufnahme in die Conviction List signalisiert Goldman Sachs, dass die Bank Microsoft unter den von ihr besonders favorisierten Titeln sieht. Das Kursziel der Bank liegt bei 640 Dollar. Der breitere Analystenkonsens ist zurückhaltender, aber ebenfalls optimistisch: Rund 56 Analysten kommen im Mittel auf ein Ziel von etwa 563 Dollar. Die Bandbreite der Einschätzungen reicht von vorsichtigeren Bärenszenarien knapp über dem aktuellen Niveau bis zu deutlich höheren Bull-Case-Rechnungen, sollte sich das Cloud-Wachstum wie angekündigt fortsetzen.
Milliardenschwere Investitionen und offene Fragen
Der Preis für das Wachstum ist hoch. Im gesamten Geschäftsjahr 2026 gab Microsoft 115,95 Milliarden Dollar für Investitionen aus, mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Der freie Cashflow sank im gleichen Zeitraum um 6,46 Prozent. Allein im Berichtsquartal flossen laut den Unternehmensangaben rund 36 bis 41 Milliarden Dollar in den Ausbau der Infrastruktur. Parallel dazu hat Microsoft im Juni-Quartal neue Leasingverträge für Rechenzentren über mehr als 130 Milliarden Dollar abgeschlossen, die Gesamtverpflichtungen in diesem Bereich summieren sich inzwischen auf 329 Milliarden Dollar. Das Unternehmen rechnet nach eigenen Angaben bis Ende 2026 mit anhaltenden Kapazitätsengpässen – ein Hinweis darauf, dass die Nachfrage nach Rechenleistung das Angebot weiterhin übersteigt.
Nicht jeder Blick auf Microsoft fällt derzeit euphorisch aus. Die Kanzlei Pomerantz erinnert Anleger an eine laufende Sammelklage wegen mutmaßlichen Wertpapierbetrugs; die Frist zur Meldung als Lead Plaintiff läuft am 11. August ab. Die Kläger werfen dem Konzern vor, das Azure-Wachstum sei in einem früheren Zeitraum hinter den Erwartungen zurückgeblieben, während gleichzeitig hohe Investitionsausgaben angefallen seien und die Zahl der Copilot-Nutzer damals nur bei rund 15 Millionen gelegen habe. Die Aktie sei nach Bekanntwerden dieser Vorwürfe zeitweise um fast zehn Prozent eingebrochen. Angesichts der inzwischen deutlich höheren aktuellen Nutzerzahlen und der jüngsten Kursrally wirkt die Klage wie ein Nachhall früherer Sorgen, die durch die neuen Quartalszahlen zumindest teilweise entkräftet wurden. Nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Woche gilt die Aktie charttechnisch inzwischen als überkauft, was kurzfristige Rückschläge nicht ausschließt.
Für Einkommensorientierte bleibt Microsoft zudem ein verlässlicher Dividendenzahler: Am 10. September schüttet der Konzern 0,91 Dollar pro Aktie aus, Stichtag für die Berechtigung ist der 20. August. Es ist das 24. Jahr in Folge, in dem Microsoft seine Dividende erhöht.
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