Ein Wochenschlusskurs von 123,92 Euro, ein Plus von 8,6 Prozent am Freitag, dazu ein Kursanstieg von 127 Prozent binnen sieben Tagen – solche Zahlen sieht man selten bei einem Konzern mit über 20 Jahren Börsenhistorie. Für mich ist genau diese Wucht das Problem, nicht die Nachricht selbst.

Die Nachricht ist zweifellos bedeutend. Moderna und Merck meldeten am 19. August positive Topline-Ergebnisse der Phase-3-Studie INTerpath-001 mit 1.137 Patienten.

Der individualisierte mRNA-Krebsimpfstoff Intismeran autogene erreichte in Kombination mit Keytruda sowohl den primären Endpunkt rezidivfreies Überleben als auch den sekundären Endpunkt fernmetastasenfreies Überleben bei komplett reseziertem Melanom im Stadium IIB-IV.

Neue Sicherheitssignale gab es keine. Das ist der erste positive Phase-3-Readout überhaupt für eine individualisierte Neoantigen-mRNA-Krebstherapie – ein echter Meilenstein, den auch Bank of America mit einem Upgrade von „Underperform“ auf „Neutral“ und einer Kurszielanhebung von 40 auf 170 Dollar würdigte. William Blair zog mit einem Upgrade auf „Outperform“ nach.

Zwischen Euphorie und Ernüchterung

Doch wer sich nur die Schlagzeilen ansieht, verpasst die zweite Hälfte der Geschichte. Am 19. August schoss die Aktie um 177 Prozent nach oben, am Folgetag brach sie um gut 20 Prozent wieder ein.

Seither wechseln sich Rallye-Tage und Korrekturen im Tagesrhythmus ab – 24/7 Wall St. beschreibt das treffend als dritten Handelstag mit heftigen Ausschlägen „ohne neue Daten“. Das ist für mich das eigentliche Warnsignal: Der Markt handelt hier nicht mehr Fakten, sondern Emotionen und Optionspositionen.

Und die Optionsmärkte sind extrem angespannt. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 516 Prozent, die historische Volatilität wurde mit 366 Prozent, die implizite mit 117 Prozent im 100. Perzentil gemessen.

Ein Short-Interest von rund 13 Prozent des Streubesitzes sorgt zusätzlich für Nervosität – jede Gegenbewegung kann sich durch Eindeckungen selbst verstärken. Der RSI von 71,3 signalisiert eine überkaufte Aktie, und der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 108 Prozent zeigt, wie weit sich der Kurs von seinem eigenen Mittelwert entfernt hat.

Die Bewertungsspanne spricht Bände

Was mich an der aktuellen Situation besonders stutzig macht, ist die schiere Uneinigkeit der Analysten. Kursziele reichen von 25 bis 170 Dollar, der Durchschnitt liegt Berichten zufolge bei 86,59 Dollar – deutlich unter dem zwischenzeitlichen Kursniveau.

Auch bei den Einzelmeinungen zeigt sich die Spannbreite: Während UBS 150 Dollar und Goldman Sachs 120 Dollar als Ziel nennen, sieht Morgan Stanley lediglich 89 Dollar.

Diese Divergenz spricht für mich dafür, dass selbst professionelle Beobachter die tatsächliche kommerzielle Tragweite der Studiendaten noch nicht seriös einpreisen können – die Daten sind schließlich noch nicht vollständig veröffentlicht und nicht peer-reviewed.

Fundamental bleibt Moderna zudem ein Unternehmen mit Verlusten: Ein Jahresumsatz von 1,94 Milliarden Dollar steht einem Nettoverlust von 2,82 Milliarden Dollar gegenüber, im jüngsten Quartal fielen bei 145 Millionen Dollar Umsatz 782 Millionen Dollar Verlust an.

Zehn Prozent Stellenabbau wegen schwacher Covid-19-Nachfrage unterstreichen, dass das Kerngeschäft weiterhin unter Druck steht. Die Krebsimpfstoff-Fantasie überstrahlt das aktuell komplett – Analysten sprechen von einem Umsatzpotenzial des Präparats von bis zu 20 Milliarden Dollar pro Jahr, mit Markteinführung frühestens 2027.

Mein Fazit

Für mich überwiegt derzeit die Skepsis gegenüber der Euphorie. Der wissenschaftliche Fortschritt ist real und verdient Anerkennung – ein erster erfolgreicher Phase-3-Beweis für personalisierte Krebsimpfstoffe ist mehr als eine Randnotiz.

Doch die Kursbewegung der vergangenen Tage hat sich meines Erachtens von den fundamentalen Fakten gelöst. Mit einem Abstand von 193 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt, einer extremen Volatilität und einer Bewertungsspanne, die von 25 bis 170 Dollar reicht, wirkt die Aktie wie ein Spielball von Optionshändlern und Momentum-Tradern.

Die nächste inhaltliche Bestätigung dürfte erst auf der ESMO-Konferenz Ende Oktober kommen. Bis dahin würde ich die Schwankungen eher als Warnsignal denn als Kaufgelegenheit lesen.