Die Analystenzunft hat ihr Bild von Moderna binnen einer Woche komplett neu gezeichnet. Nachdem der Konzern und Merck am Mittwoch positive Phase-3-Daten zur Kombination des personalisierten mRNA-Krebsimpfstoffs intismeran autogene mit Keytruda vorgelegt hatten, überschlugen sich die Kursziel-Anhebungen der großen Häuser.

Vom Skeptiker zum Optimisten

Bank of America stufte Moderna am Donnerstag von Underperform auf Neutral hoch und hob das Kursziel von 40 auf 170 Dollar an – eine der drastischsten Korrekturen der vergangenen Wochen. Analyst Alec Stranahan reagierte damit auf die Studienergebnisse der INTerpath-001-Studie, die bei Melanom-Patienten sowohl beim rückfallfreien Überleben als auch bei der metastasenfreien Zeit ihre primären Endpunkte erreicht hatte.

Auch UBS zog am Freitag nach und erhöhte das Kursziel von 50 auf 150 Dollar bei unveränderter Neutral-Einstufung. Barclays-Analystin Eliana Merle sprach von einem „Wasserscheide“-Moment für die mRNA-Onkologie und hob ihr Kursziel von 48 auf 125 Dollar an, beließ die Aktie jedoch auf Equal Weight.

Wolfe Research ging noch weiter und stufte das Papier von Underperform auf Peer Perform hoch – mit der Prognose, dass die intismeran-Plattform über vier Krebsindikationen hinweg einen Spitzenumsatz von 9,2 Milliarden Dollar erreichen könnte.

William Blair-Analyst Myles Minter bezeichnete den Phase-3-Erfolg als „transformativen Katalysator“, der die mRNA-Plattform für die Onkologie validiere, und hob seine Einstufung von Market Perform auf Outperform an.

Der Markt honorierte die Nachrichtenlage massiv: Zwischen dem 18. und 19. August sprang der Kurs um rund 177 Prozent. Aktuell notiert die Aktie bei 131,78 Euro, nach einem Plus von 11 Prozent allein am heutigen Handelstag gegenüber dem gestrigen Schlusskurs von 119,08 Euro. Der Titel bewegt sich damit nur noch 12 Prozent unterhalb seines 52-Wochen-Hochs von 149,62 Euro, das er kürzlich markiert hatte.

Zahlen und Rückschläge im Schatten der Euphorie

Der Krebs-Durchbruch überstrahlte auch die Quartalszahlen, die Moderna am Donnerstag vorlegte. Der Nettoverlust pro Aktie schrumpfte auf 1,97 Dollar und fiel damit besser aus als die von Analysten erwartete Verlustmarke von 2,03 Dollar, bei einem Umsatz von 100 Millionen Dollar.

Weniger erfreulich: Der Norovirus-Impfstoffkandidat mRNA-1403 verfehlte in einer Phase-3-Studie die frühen Erfolgskriterien – ein Rückschlag, der angesichts der Onkologie-Euphorie kaum Beachtung fand.

Zusätzlich sorgte eine SEC-Meldung für Aufmerksamkeit: CEO Stephane Bancel hatte Anfang August 499.246 Aktien im Wert von rund 28,7 Millionen Dollar verkauft, um Steuerverpflichtungen und Kosten aus Optionsausübungen zu decken.

Aus der Optionsausübung selbst behielt er 252.469 Aktien, sodass sich sein direkter Aktienbestand auf 6,44 Millionen Papiere erhöhte. Der Verkauf erfolgte bereits vor der Bekanntgabe der Studienergebnisse und dürfte damit eher routinemäßiger als strategischer Natur gewesen sein.

Bereits Anfang August hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA mit mFLUSIVA (mRNA-1010) den ersten mRNA-basierten saisonalen Grippeimpfstoff für Erwachsene ab 50 Jahren zugelassen – ein weiterer Baustein im Bemühen des Unternehmens, seine mRNA-Plattform über die Covid-Impfstoffe hinaus zu diversifizieren.

Ausblick: Bewertung zwischen Hoffnung und Risiko

Die massive Neubewertung der Analysten spiegelt sich in extrem hoher Kursvolatilität wider – ein Indikator dafür, dass der Markt die künftige Bedeutung von intismeran autogene noch nicht abschließend eingepreist hat.

Zwischen den aktuellen Kurszielen der Häuser, die von 125 bis 170 Dollar reichen, und der Realität einer noch jungen Onkologie-Pipeline liegt weiterhin ein erheblicher Interpretationsspielraum. Für Anleger bleibt entscheidend, ob sich die Phase-3-Erfolge in eine tatsächliche Zulassung und kommerzielle Umsetzung übersetzen lassen.