Seit dem Phase-3-Erfolg des Krebsimpfstoffs Intismeran Autogene und der Aufnahme in den Nasdaq-100 wird Moderna als Onkologie-Hoffnung gehandelt. Die Atemwegsimpfstoffe, die heute den Umsatz tragen, wachsen allerdings kaum, und das Unternehmen verbrennt weiter Geld. Reicht die Kasse, bis aus der Hoffnung ein Geschäft wird, und wofür setzt das Management sie ein? Darüber sprechen wir mit Andreas Sommer.

Moderna (US60770K1079) — Schlusskurse 16.04.2026 bis 13.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 13.10.2026.
Trading-Treff Redaktion: Spitzen wir zu: Das größte Einzelrisiko bei Moderna ist doch, dass der Krebsimpfstoff ein Erfolg wird und das Unternehmen trotzdem nicht genug daran verdient, um seine Verluste zu decken.
Andreas Sommer: Genau da setze ich an. Intismeran wird mit Merck hälftig geteilt. Jeder Dollar, den Moderna in den Krebsimpfstoff steckt, verdient nur zur Hälfte für die eigenen Aktionäre. Bei einer Pipeline, die noch Jahre Geld braucht, ist das eine bittere Rechnung. Das Management hat 2025 rund zwei Milliarden Dollar an Betriebskosten herausgeschnitten, und das erkenne ich ausdrücklich an.
Der freie Cashflow bleibt trotzdem tief im Minus. Ende September kam dann die neue COO-Rolle mit Juan Andres, ausdrücklich zur Vorbereitung eines möglichen Marktstarts. Ich verstehe das als Ankündigung, dass die Ausgaben eher wieder steigen. Ein beschlossener Launch ist es noch nicht. Moderna baut also schon eine Organisation für ein Produkt auf, dessen Zulassung noch aussteht.
Trading-Treff Redaktion: Sie reden die Wissenschaft klein. Ein positives Pivotal-Ergebnis bei individualisierten Krebsimpfstoffen hat vor Moderna niemand geschafft.
Andreas Sommer: Klein rede ich da gar nichts. Wissenschaftlich ist das vielleicht das Beste, was dieses Haus je geliefert hat. Mich interessiert nur, wer am Ende wie viel davon behält und wann das Geld fließt.
Trading-Treff Redaktion: Dann rechnen wir die Onkologie einmal heraus. Was ist der Rest des Geschäfts wert?
Andreas Sommer: Erschreckend wenig Fantasie. Für 2026 stellt Moderna höchstens zehn Prozent Umsatzwachstum in Aussicht, und das in einem Atemwegsmarkt ohne Preismacht. Die CDC empfiehlt die COVID-Impfung zwar allen Erwachsenen, bevorzugt aber keinen Hersteller.
Bei RSV sieht die Empfehlung nur eine einzige Dosis vor, und dort hat Moderna beim Start schon gegen GSK und Pfizer verloren. Der neue Grippeimpfstoff MFLUSIVA ist zugelassen. Umsatz bringt er damit noch nicht. Beim Norovirus hat die Zwischenanalyse laut dem Bericht zum zweiten Quartal 2026 kein vorzeitiges Erfolgskriterium erreicht.
Ich komme auf ein faires Niveau von rund 79 Euro. Das würde ich erst nach oben schieben, wenn Moderna bei den Q3-Zahlen am 6. November zeigt, dass der Mittelabfluss pro Quartal spürbar sinkt, obwohl die Vorbereitung für den Krebsimpfstoff bereits Geld kostet. Ohne diese Bedingung bleibt alles darüber eine Wette auf die Zulassung.
Trading-Treff Redaktion: Sie sagen, der Mittelabfluss müsse sinken, „obwohl die Vorbereitung bereits Geld kostet“. Dabei spricht das Kapital längst für das Management: Moderna sitzt im Nasdaq-100, und Fidelity, Vanguard und BlackRock halten zusammen über ein Viertel der Aktien. Ist das kein Vertrauensbeweis?
Andreas Sommer: Da werden zwei Dinge in einen Topf geworfen, die nichts miteinander zu tun haben. Die Indexaufnahme ist Mechanik: Moderna hat Warner Bros. Discovery ersetzt, und Indexfonds müssen kaufen.
Ob sie dem Management vertrauen, spielt dafür keine Rolle. Dasselbe gilt für die großen Fondshäuser, die zu einem guten Teil schlicht Indizes nachbilden. Vertrauen in die Kapitalverwendung lese ich bei den Insidern ab, die mit eigenem Geld handeln. Was sehe ich dort?
In den letzten zwölf Monaten haben Bancel, Hoge, Mock und Klinger verkauft, über 10b5-1-Pläne und Optionsausübungen. Auslaufende Optionsfristen erklären vieles davon, geschenkt. Allerdings war kein einziger Kauf aus Überzeugung dabei. Ich werte das als neutral mit leichter Schlagseite nach unten.
Trading-Treff Redaktion: Morgan Stanley hat das Kursziel gerade auf 95 Dollar angehoben. Laufen Sie mit Ihrer Skepsis nicht der Entwicklung hinterher?
Andreas Sommer: Schauen Sie auf die Einstufung. Die blieb bei Equal-Weight. Ein höheres Ziel bei unveränderter Empfehlung bedeutet für mich, dass das Haus die Zahlen nachzieht, ohne die These zu ändern.
Wo ich falschliegen könnte, sage ich Ihnen genau: Ich messe das laufend am Mittelabfluss pro Quartal. Sinkt er, während Moderna gleichzeitig Personal und Fertigung für Intismeran aufbaut, dann ist das Management deutlich effizienter, als ich es ihm zutraue.
Dann wäre meine Bewertung zu hart. Auf der anderen Seite steht die hohe Shortquote. Gute Studiennachrichten können deshalb heftige Eindeckungen auslösen, wie im Sommer zu sehen war. Mit Fundamentaldaten hat so etwas wenig zu tun. Es tut trotzdem weh, wenn man auf der falschen Seite steht.
Trading-Treff Redaktion: Ihre ganze Einschätzung hängt an einer Bedingung: Moderna muss am 6. November zeigen, dass der Mittelabfluss pro Quartal sinkt, obwohl der Krebsimpfstoff schon Geld kostet. Wenn das ausbleibt, welches Urteil fällen Sie dann über dieses Management?
Andreas Sommer: Dann gibt es eine Organisation, die eine halbe Wette mit vollem Einsatz vorfinanziert, und Insider, die dabei lieber verkaufen als zukaufen. Wissenschaftlich ist die Plattform stark, kaufmännisch stützt sie diesen Kurs nicht.
Bleibt der Abfluss am 6. November hoch, sehe ich die Indexaufnahme im Rückblick als bequemen Moment, zu dem viel Erwartung eingepreist wurde. Diese Erwartung muss das Geschäft erst einlösen. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber von der Kasse.
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