Ein Milliarden-Auftrag, elf „Strong Buy“-Ratings und trotzdem ein Kurs, der 18 Prozent unter dem Niveau vor einem Monat liegt. Bei Nebius klafft die Story der Analysten und die Realität des Aktienkurses gerade deutlich auseinander. Der KI-Infrastrukturanbieter ist zum Gesprächsthema an der Wall Street geworden – aus mehreren Gründen gleichzeitig.

Am Freitag schloss die Aktie bei 164,90 Euro, ein Plus von 0,94 Prozent auf Tagesbasis. Die Erholung ändert wenig am größeren Bild: Binnen eines Monats hat das Papier fast ein Fünftel seines Wertes verloren.

Analysten überbieten sich mit Kurszielen

Freedom Capital hob sein Rating kürzlich von „Hold“ auf „Buy“ an und erhöhte das Kursziel von 150 auf 200 Dollar. Baird legte nach und startete die Coverage direkt mit „Outperform“ und einem Kursziel von 250 Dollar.

Die Baird-Analysten begründen ihre positive Einschätzung mit vier Punkten: einem starken Gesamtangebot für Inferenz-Workloads, einer wachsenden Kundenbasis, dem höchsten Wachstum im gesamten Sektor und einem erfahrenen Management-Team.

Insgesamt bewerten 16 Analysten die Aktie mit einem Konsens-Rating von „Moderate Buy“. Elf sehen ein „Strong Buy“, fünf ein „Hold“. Das mittlere Kursziel von 254,92 Dollar würde ein Kurspotenzial von 72 Prozent bedeuten – das höchste genannte Ziel von 410 Dollar sogar 177 Prozent.

Ein Auftrag, der die Bilanz verändert

Neben der Analysten-Gunst hat sich Nebius auch operativ ein Ausrufezeichen gesichert. Das Unternehmen hat einen Mehrjahresvertrag mit Reflection AI abgeschlossen. Der Deal ist über 1 Milliarde Dollar wert und läuft bis 2029.

Für ein Unternehmen mit rund 530 Millionen Dollar Jahresumsatz ist das eine Hausnummer. Der Auftrag signalisiert, dass die Neocloud-Plattform von Nebius im Wettbewerb mithalten kann – und dass große KI-Kunden bereit sind, sich über Jahre zu binden.

Der Reflection-Deal reiht sich in eine Serie positiver Nachrichten ein. Erst kürzlich hatte Nvidia eine Beteiligung an Nebius offengelegt, zudem sicherte sich das Unternehmen seine erste besicherte Kreditlinie. Im letzten Quartal übertraf Nebius die Erwartungen deutlich: Der Gewinn je Aktie lag bei 2,11 Dollar, 2,82 Dollar über der Analystenschätzung. Der Umsatz stieg um 684 Prozent auf 399 Millionen Dollar – Analysten hatten sogar einen Verlust erwartet.

Der Sektor bebt

Die positiven Analysten-Stimmen entstehen vor einem unruhigen Marktumfeld. Berichte, wonach Meta überschüssige KI-Rechenkapazität verkaufen will, ließen Nebius und den Konkurrenten CoreWeave um 12 bis 15 Prozent einbrechen. Trader preisten damit einen potenziellen Schwergewichts-Rivalen ein.

Diese Ausschläge erklären auch die extreme Schwankungsbreite der Aktie: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei fast 148 Prozent – weit über dem, was bei Large-Cap-Werten üblich ist. Vom 52-Wochen-Hoch bei 261 Euro, erreicht am 22. Juni, ist die Aktie inzwischen rund 37 Prozent entfernt. Zum 52-Wochen-Tief bei 45 Euro vor knapp einem Jahr beträgt der Abstand dagegen über 266 Prozent.

Was als Nächstes ansteht

Der nächste große Termin ist nicht mehr weit. Nebius veröffentlicht seine Zahlen zum zweiten Quartal 2026 am Mittwoch, den 12. August, vor Börseneröffnung. Die Telefonkonferenz mit Analysten folgt um 8:00 Uhr Eastern Time am selben Tag.

Die Erwartungen sind hoch gesteckt. Analysten rechnen mit 586 Millionen Dollar Umsatz im zweiten Quartal, 916 Millionen im dritten und 1,52 Milliarden Dollar im vierten Quartal – das entspräche sequenziellen Wachstumsraten von 47, 57 und 66 Prozent.

Mit einem RSI von 46,2 bewegt sich die Aktie derzeit in neutralem technischem Terrain, weder überkauft noch überverkauft. Das lässt Raum für eine deutliche Bewegung in die eine oder andere Richtung, sobald die Quartalszahlen und mögliche weitere Vertragsabschlüsse eintreffen. Ob der Schwung aus dem Reflection-Deal und den Analysten-Upgrades bis zum 12. August anhält, oder ob der Wettbewerbsdruck durch größere Cloud-Rivalen die Aktie weiter bremst, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.