Nebius hat in den vergangenen Wochen einen Kraftakt hingelegt, der sich sehen lassen kann – und einen, der Anleger nachdenklich stimmen sollte. Für mich überwiegt unterm Strich trotzdem die operative Dynamik, auch wenn die Finanzierungsseite genauer Beobachtung bedarf.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Im zweiten Quartal 2026 erzielte Nebius einen Umsatz von 582,3 Millionen US-Dollar, gegenüber 105,1 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal. Getragen wurde dieser Sprung von einem Wachstum der AI-Cloud-Erlöse um 514 Prozent sowie mehreren milliardenschweren Verträgen. Das adjustierte EBITDA drehte von minus 21 Millionen US-Dollar im Vorjahr auf plus 236,2 Millionen US-Dollar – ein Vorzeichenwechsel, der zeigt, dass das Geschäftsmodell zunehmend Substanz gewinnt.
Vier AI-Cloud-Deals mit einem durchschnittlichen Gesamtvolumen von jeweils über einer Milliarde US-Dollar wurden allein im zweiten Quartal abgeschlossen. Für mich ist das der eigentliche Beleg dafür, dass die Nachfrage nach souveräner KI-Infrastruktur real ist und nicht nur auf dem Papier existiert.
Das Unternehmen selbst traut sich für 2026 einiges zu: Die Guidance liegt bei 3,0 bis 3,4 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz mit einer angestrebten Austrittsrate von 7 bis 9 Milliarden US-Dollar.
Die angeschlossene Leistung soll bis Jahresende 800 Megawatt bis 1 Gigawatt erreichen, die kontrahierte Leistung wurde deutlich auf 5 Gigawatt angehoben. Solche Zielmarken sind ambitioniert – und genau das macht die kommenden Quartale zum Lackmustest.
Die Kapitalseite verdient einen kritischen Blick
Hier wird es aus meiner Sicht interessanter. Nebius hat Mitte August die Preisfestsetzung für Wandelanleihen im Volumen von insgesamt 5,0 Milliarden US-Dollar bekanntgegeben, aufgeteilt in 3,0 Milliarden US-Dollar zu 0,50 Prozent mit Fälligkeit 2030 und 2,0 Milliarden US-Dollar zu 4,50 Prozent mit Fälligkeit 2034. Das Volumen wurde gegenüber der ursprünglich angekündigten Größe von 4,5 Milliarden US-Dollar sogar noch aufgestockt.
Parallel dazu tauschte das Unternehmen jeweils 400 Millionen US-Dollar bestehender Wandelanleihen aus den Jahren 2029 und 2031 gegen rund 15,8 Millionen Class-A-Stammaktien. Die Nettoerlöse aus der Emission werden auf rund 4,94 Milliarden US-Dollar geschätzt, bei voller Ausübung der Mehrzuteilungsoption sogar auf bis zu 5,68 Milliarden US-Dollar.
Das ist einerseits beruhigend: Nebius sichert sich massive Feuerkraft für den Ausbau der Rechenzentren-Kapazität, ohne kurzfristig auf operative Cashflows angewiesen zu sein. Andererseits bedeutet der Aktientausch eine spürbare Verwässerung bestehender Anteilseigner. Wer Nebius hält, sollte diesen Kompromiss – mehr Wachstumskapital gegen mehr ausstehende Aktien – nüchtern einpreisen.
Institutionelle stocken auf, Insider verkaufen
Bemerkenswert finde ich die Diskrepanz zwischen institutionellem und Insider-Verhalten. Lone Pine und Soros Fund Management haben im zweiten Quartal 2026 neue Positionen aufgebaut, wobei Nebius bei Lone Pine trotz der finanzierungsbedingten Volatilität zur größten Position avancierte.
Nvidia hält weiterhin eine passive Beteiligung von 9,3 Prozent, kombiniert aus Aktien und einem vorfinanzierten Warrant. Das signalisiert Vertrauen aus der ersten Reihe der Tech-Investoren.
Gleichzeitig haben Insider Gewinne mitgenommen: Marc Boroditsky verkaufte im Juni rund 11.000 Aktien zu etwa 276 US-Dollar, Arkady Volozh im Juli rund 47.000 Aktien zu etwa 235 US-Dollar – die größte Insider-Transaktion der vergangenen drei Monate. Solche Verkäufe sind bei stark gelaufenen Aktien nicht ungewöhnlich und für sich genommen kein Alarmsignal, gehören aber zum vollständigen Bild.
Die Partnerschaft mit Palantir als strategischer Hebel
Die jüngste Nachricht dürfte für die Wahrnehmung am wichtigsten sein: Nebius wurde zum bevorzugten Infrastrukturpartner für souveräne KI im Palantir-Ökosystem.
Palantir öffnet damit seine kommerzielle Kundenbasis für die Compute- und Cloud-Plattform von Nebius, zudem sind gemeinsame Rollouts neuer Rechenkapazitäten und modularer Rechenzentren geplant. Für mich ist das mehr als ein PR-Coup – es erweitert den adressierbaren Markt erheblich, gerade im Segment souveräner, sicherheitskritischer KI-Infrastruktur.
Der Kurs notiert aktuell bei 193,88 Euro, rund 26 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 261,00 Euro, aber weiterhin deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 138,29 Euro. Diese Spanne zeigt: Der Markt hat die Euphorie der vergangenen Monate etwas zurückgenommen, ohne den langfristigen Aufwärtstrend infrage zu stellen.
Mein Fazit
Nebius bleibt für mich eine der spannendsten, aber auch volatilsten Wetten auf die Infrastruktur der KI-Ära. Die operative Dynamik – Umsatzsprung, EBITDA-Wende, Milliardenverträge, Palantir-Partnerschaft – spricht klar für das Unternehmen.
Die massive Wandelanleihen-Emission samt Verwässerung ist der Preis für dieses Tempo. Wer diesen Handel akzeptiert, dürfte mit der Story leben können; wer Wert auf Kapitaldisziplin legt, sollte die kommenden Quartale genau beobachten.
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