Ein Quartalsbericht, ein Kurssprung von knapp 30 Prozent an einem einzigen Handelstag — und ein Nettoverlust, der trotzdem niemanden zu stören scheint. Bei Nebius zeigt sich gerade, wie stark Wachstumsfantasie und Zahlenrealität auseinanderdriften können.

Der KI-Infrastrukturanbieter meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 582,3 Millionen US-Dollar, ein Plus von 454 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich blieb dennoch ein Nettoverlust von 190,4 Millionen US-Dollar — nach einem Gewinn von 584,4 Millionen Dollar im Vorjahresquartal. Das operative Bild sieht freundlicher aus: Die bereinigte EBITDA-Marge lag bei 41 Prozent, umgerechnet 236 Millionen Dollar.

Short-Squeeze trifft auf starkes Auftragsbuch

Der eigentliche Kurstreiber war weniger die Bilanz selbst als die Marktpositionierung im Vorfeld. Hedgefonds hatten Nebius im Juli zu einem der meistgeshorteten Titel gemacht, die Shortquote lag bei rund 24 Prozent. Als die Zahlen die Erwartungen übertrafen, sprang die Aktie von etwa 193 auf 250,39 Dollar — ein Tagesplus von 29,58 Prozent. Die Rally bei CoreWeave, das am Vortag mit eigenen Rekordzahlen vorgelegt hatte, wirkte zusätzlich als Sogeffekt auf die gesamte Neocloud-Branche.

Fundamental untermauert wird die Euphorie von einer annualisierten Umsatzrate, die auf 3 Milliarden Dollar kletterte — ein Zuwachs von 598 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nebius schloss im Quartal vier Verträge mit einem Volumen von jeweils über einer Milliarde Dollar ab, Kundenanzahlungen decken laut Unternehmensangaben 50 bis 60 Prozent der Investitionsausgaben. Eine Kapazitätsauktion für Blackwell-Chips erzielte Preise, die 15 Prozent über dem bisherigen Höchststand lagen — ein Indiz dafür, dass die Nachfrage nach Rechenkapazität das Angebot weiterhin übersteigt.

Bewertung wirft Fragen auf

So beeindruckend die Wachstumsraten sind, die Bewertung zieht kritische Blicke auf sich. Die Aktie handelt inzwischen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 184 — deutlich über vergleichbaren Werten wie Super Micro Computer, das bei etwa 16 liegt. Der mittlere Analysten-Kurszielwert lag zuletzt bei 250,75 Dollar, praktisch auf Höhe des aktuellen Kurses. Das deutet darauf hin, dass ein Teil der jüngsten Bewegung eher von Short-Covering als von einer fundamentalen Neubewertung getrieben wurde.

Der Ausverkauf bei Chip- und KI-Werten im Juli, der US-Halbleitertitel um rund 20 Prozent und den koreanischen Kospi um etwa 22 Prozent drückte, hatte die These vom überbauten Neocloud-Sektor genährt. Die aktuellen Zahlen sprechen dagegen: Verträge sind unterschrieben, angezahlt und wachsen weiter. Ob die Kapitalintensität des Geschäftsmodells bei den aktuellen Renditen langfristig trägt, bleibt die zentrale Streitfrage zwischen Bullen und Bären am Markt.