Ausgangslage

Der Rücktritt von Vorstandschef Håkon Volldal, der zu Elopak wechselt, liegt bereits einige Wochen zurück – seither hat die Aktie rund 19,1 Prozent verloren. Auch die schwachen Quartalszahlen mit einem EBITDA-Verlust von 155 Millionen norwegischen Kronen sind kein neuer Impuls mehr.

Was den Blick nach vorn lenkt, ist die Frage, wie JPMorgan die Lage nach diesen Ereignissen einordnet: Das Analysehaus senkte am 18. August sein Kursziel für Nel deutlich von 2,90 auf 1,80 norwegische Kronen und beließ die Einstufung bei Neutral.

Diese Einschätzung fällt in eine Phase, in der Nel operativ zwei gegensätzliche Signale sendet – einen kräftig gestiegenen Auftragseingang und eine schrumpfende Kapitaldecke. Genau dieses Spannungsfeld bestimmt, wie es mit der Aktie weitergeht.

Die entscheidende Frage

Im Zentrum steht nicht mehr, ob Nel Aufträge gewinnt – der Auftragseingang legte im zweiten Quartal um 224 Prozent auf 230 Millionen Kronen zu, der Auftragsbestand wuchs auf 1,213 Milliarden Kronen. Die entscheidende Größe ist, wie lange die Barmittel von rund 1,328 Milliarden Kronen reichen, um diese Aufträge in Umsatz und irgendwann in positive Margen zu überführen.

Der Umsatz sank im zweiten Quartal um etwa 12 Prozent auf 153 Millionen Kronen, während die operativen Verluste anhielten. Ob der Auftragsschub tatsächlich zu Bargeld wird, bevor die Reserven schmelzen, entscheidet darüber, ob Anleger dem Unternehmen die Übergangsphase ohne dauerhaften CEO zutrauen.

Bullisches Szenario

Setzt sich die Dynamik beim Auftragseingang fort, könnte sich der Auftragsbestand von gut 1,2 Milliarden Kronen in den kommenden Quartalen sukzessive in Umsatz verwandeln und die Verlustrate spürbar drücken.

Mit Barmitteln von über 1,3 Milliarden Kronen verfügt Nel über einen Puffer, der eine geordnete Neubesetzung der Vorstandsspitze bis Ende 2026 ermöglicht, ohne dass eine akute Finanzierungslücke droht.

Gelingt es dem Unternehmen zudem, die neue Führung mit einer klaren Strategie zu präsentieren, könnte dies das Vertrauen zurückbringen, das seit der Rücktrittsankündigung verloren ging. Ein aktueller Kurs von 0,1934 Euro liegt bereits 12 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro – ein Hinweis darauf, dass ein Teil der schlechten Nachrichten bereits eingepreist sein könnte.

Bärisches Szenario und Risiko

Dagegen steht die Möglichkeit, dass der Auftragseingang volatil bleibt und sich nicht in nachhaltige Umsatzsteigerungen übersetzt – ein Muster, das viele Wasserstoff-Ausrüster in den vergangenen Jahren gezeigt haben. Bleibt der Umsatz auf dem Niveau des zweiten Quartals oder sinkt weiter, während die operativen Kosten kaum sinken, schrumpft die Cash-Reserve schneller als geplant.

Die Kürzung des Kursziels durch JPMorgan auf 1,80 norwegische Kronen bei gleichzeitig neutraler Einstufung signalisiert, dass zumindest ein etabliertes Analysehaus die kurzfristigen Aussichten skeptisch beurteilte – ohne die Aktie jedoch als aussichtslos einzustufen. Hinzu kommt die Unsicherheit durch die vakante Vorstandsposition: Ohne einen bestätigten Nachfolger bleibt offen, ob die strategische Ausrichtung – etwa im Verhältnis von Elektrolyseur-Geschäft zu Tankstelleninfrastruktur – Kontinuität erfährt oder neu justiert wird. Der Kurs notiert derzeit rund 9,6 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt, was auf einen mittelfristig angeschlagenen Trend hindeutet.

Ausblick

Solange der Auftragsbestand weiter wächst und die Barmittel nicht in beschleunigtem Tempo abschmelzen, bleibt das Bild einer Übergangsphase mit intaktem Kern-Geschäftsmodell realistisch – Anleger würden dann eher Geduld mit der Führungssuche haben.

Kippt jedoch die Relation zwischen Cash-Verbrauch und Auftragsrealisierung, etwa weil sich die Auslieferung der Backlog-Aufträge verzögert oder neue Kosten im Zuge der Führungssuche entstehen, dürfte der Druck auf die Aktie zunehmen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist die Bestellung eines neuen Vorstandschefs vor dem selbst gesetzten Zeitrahmen bis Ende 2026 – erst danach lässt sich absehen, mit welcher strategischen Handschrift Nel die vorhandenen Aufträge in tragfähige Umsätze verwandeln will.