Ausgangslage

Nel ASA steckt in einer Phase, in der zwei Erzählungen gegeneinander laufen. Auf der einen Seite meldete das norwegische Unternehmen für das zweite Quartal 2026 einen Auftragseingang von 230 Millionen norwegischen Kronen – ein Sprung von 224 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der Orderbestand wuchs auf 1.213 Millionen Kronen.

Auf der anderen Seite schrumpfte der Umsatz aus Kundenverträgen im selben Quartal um 12 Prozent auf 153 Millionen Kronen, und unter dem Strich stand ein Nettoverlust von 189 Millionen Kronen – nach 131 Millionen Kronen im Vorjahresquartal. Ein Vergleich mit dem japanischen Partner Iwatani belastete das Ergebnis zusätzlich mit 70 Millionen Kronen.

Warum das jetzt zählt: Die Kernbotschaft aus dem Zahlenwerk vom 15. Juli ist ambivalent. Der Auftragseingang signalisiert, dass die im Mai kommerziell gestartete druckalkalische PA-Series-Plattform bei Kunden ankommt. Gleichzeitig zeigt die Kostenseite, dass Nel noch weit von der Profitabilität entfernt ist.

Der Aktienkurs bewegt sich zuletzt bei 0,1986 Euro und damit rund 45,66 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro, das erst im Mai erreicht wurde. Zum 50-Tage-Durchschnitt beträgt der Abstand minus 9,07 Prozent – der Markt preist die Wachstumsstory derzeit nur zurückhaltend ein.

Die entscheidende Frage

Der eine Faktor, der über die kommenden Monate entscheidet: Kann Nel den Auftragsbestand von gut 1,2 Milliarden Kronen in tatsächliche Umsatzrealisierung umwandeln, ohne dass die Kassenreserven vorher zu knapp werden? Der Cashbestand lag zum Quartalsende bei 1.328 Millionen Kronen, nach 1.928 Millionen Kronen ein Jahr zuvor.

Das Unternehmen verbrennt also weiterhin Kapital, während es gleichzeitig die Fertigungskapazität für die neue Plattform hochfahren will – auf 500 Megawatt bis Ende 2026 und auf 1 Gigawatt im Jahr 2027. Ob diese Skalierung gelingt, bevor die Liquidität eng wird, ist die zentrale Weichenstellung für Anleger.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht die technologische und kommerzielle Dynamik rund um die PA-Series. Die Plattform soll den Flächenbedarf um 80 Prozent und die Investitionskosten um 40 bis 60 Prozent senken – Werte, die Nel selbst kommuniziert hat und die, sollten sie sich in Serienproduktion bestätigen, die Wettbewerbsposition deutlich verbessern würden.

Eine Förderung der Europäischen Union in Höhe von 135 Millionen Euro für die Fertigungslinie der PA-Series untermauert zusätzlich das Vertrauen dritter Seiten in das Konzept.

Im PEM-Segment kamen im Quartal zwei Bestellungen für containerisierte Lösungen im Wert von jeweils rund 7 Millionen US-Dollar hinzu, und das Unternehmen erweiterte sein Partnernetzwerk um Firmen wie SMA Altenso sowie Containerintegratoren in den USA und Europa.

Besonders im Blick der Anleger steht die fortschreitende Zusammenarbeit mit Reliance in Indien, die auf den Aufbau einer Gigafabrik zielt – gelingt hier ein verbindlicher nächster Schritt, wäre das ein Signal für internationale Skalierbarkeit, die Nel bislang fehlte.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Kluft zwischen Bestellbüchern und tatsächlich fakturiertem Umsatz. Sowohl das Alkalische- als auch das PEM-Elektrolyseur-Segment verzeichneten im Jahresvergleich rückläufige Erlöse – minus 14 Prozent bei Alkalisch, minus 10 Prozent bei PEM. Das EBITDA verschlechterte sich von minus 86 auf minus 155 Millionen Kronen.

Sollte sich die Umwandlung von Aufträgen in Umsatz weiter verzögern, während parallel die Ausgaben für den Kapazitätsaufbau steigen, würde die Kassenreserve schneller schmelzen als geplant. Hinzu kommt eine ungeklärte Führungsfrage: CEO Håkon Volldal hatte im Juni seinen Rückzug angekündigt, um eine andere berufliche Aufgabe zu übernehmen. Er befindet sich in einer sechsmonatigen Kündigungsfrist, der Aufsichtsrat sucht derzeit nach einer Nachfolge.

Solange diese Personalie offen ist, fehlt dem Markt eine verlässliche Orientierung darüber, wer die Strategie über den bevorstehenden Kapazitätsausbau hinaus verantwortet. Auch der laufende Vergleich mit Iwatani, der das Quartalsergebnis bereits einmal belastete, bleibt ein Unsicherheitsfaktor, dessen endgültige finanzielle Tragweite noch nicht abschließend feststeht.

Ausblick

Solange der Auftragsbestand weiter wächst und die PA-Series-Fertigung planmäßig auf dem Weg zu den angepeilten 500 Megawatt bleibt, bietet das aktuelle Kursniveau – rund 14,73 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 0,1731 Euro – Raum für eine Stabilisierung.

Kippt hingegen die Umsatzentwicklung in den kommenden Quartalen weiter ab, während die Kassenreserve zügig weiter sinkt, dürfte der Markt die Skepsis der vergangenen Monate bestätigt sehen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht am 21. Oktober 2026: Dann zeigt sich, ob aus dem starken Auftragseingang des zweiten Quartals tatsächlich Umsatz geworden ist – und ob die Nachfolgefrage an der Unternehmensspitze bis dahin geklärt ist.