Starke Quartalszahlen, eine Produktneuheit — und trotzdem ein neues 52-Wochen-Tief. Bei Nemetschek klafft die Lücke zwischen operativer Stärke und Börsenkurs gerade besonders weit auseinander.

Oracle löst Sektorverkauf aus

Den unmittelbaren Auslöser lieferte Oracle. Der US-Konzern meldete Rekordumsätze: Cloud-Erlöse stiegen um 47 Prozent auf knapp zehn Milliarden US-Dollar. Trotzdem brach die Oracle-Aktie um rund zehn Prozent ein. Investoren störten sich an den massiven Ausgaben für KI-Infrastruktur und einer Verlangsamung im SaaS-Geschäft.

Der Schock strahlte auf den deutschen Softwaremarkt aus. SAP, Nemetschek und TeamViewer verloren teils bis zu 4,2 Prozent. Der Markt handelt gerade keine Einzelstorys — er justiert die Bewertungen im Softwaresektor neu.

Nemetschek notiert aktuell bei 54,15 Euro, ein Minus von 1,46 Prozent auf Tagesbasis. Seit Jahresbeginn beläuft sich der Verlust auf mehr als 40 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch von 137,90 Euro aus dem August 2025 liegt inzwischen 60 Prozent entfernt.

Fundamentaldaten erzählen eine andere Geschichte

Dabei liefert das Unternehmen operativ. Im ersten Quartal 2026 wuchs der Umsatz währungsbereinigt um 17 Prozent auf 313,1 Millionen Euro. Das EBITDA legte um 22 Prozent auf 98,4 Millionen Euro zu.

Besonders stabil: 92 Prozent der Erlöse sind wiederkehrender Natur. Das Management bestätigt für das Gesamtjahr organisches Wachstum von 14 bis 15 Prozent und eine EBITDA-Marge von 32 bis 33 Prozent.

Parallel brachte Konzerntochter ALLPLAN die Stahlbau-Software SDS2 nach Deutschland. Die Lösung war bislang nur in Nordamerika verfügbar und verbindet BIM-Modellierung, Anschlussdetaillierung und Fertigungsprozesse in einem durchgängigen Workflow. Am Kurs änderte das nichts.

Halbjahresbericht und HCSS-Deal als nächste Wegmarken

Im Juli legt Nemetschek den Halbjahresbericht vor. Bestätigt das Management erneut zweistellige Wachstumsraten, wird die Diskrepanz zwischen Kurs und Fundamentaldaten schwerer zu ignorieren.

Hinzu kommt die geplante Übernahme von HCSS — dem führenden Anbieter von Technologielösungen für den nordamerikanischen Infrastruktur- und Tiefbaumarkt. Das Transaktionsvolumen beträgt rund 2,4 Milliarden US-Dollar. Der Abschluss steht noch unter regulatorischem Vorbehalt und soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 erfolgen. Liefert Nemetschek beim Halbjahresbericht Fortschritte beim HCSS-Closing, hat der Markt zwei konkrete Gründe, die aktuelle Bewertung zu hinterfragen.