Ein Kursverfall von über 50 Prozent binnen Jahresfrist, und trotzdem hält eine große US-Bank an ihrer Kaufempfehlung fest. Bei Nemetschek klafft die Stimmung der Analysten und die Realität am Chart derzeit auseinander. JPMorgan sieht nach der jüngsten Zahlenvorlage sogar mehr Potenzial als zuvor.

JPMorgan erhöht Schätzungen trotz unruhigem Quartal

Die US-Bank bestätigt die Einstufung „Overweight“ für die Nemetschek-Aktie. Das Kursziel bleibt bei 110 Euro. Analyst Joseph George hob nach der Analyse der jüngsten Geschäftszahlen seine Schätzungen an.

Der Grund: Er berücksichtigt jetzt die Integration des übernommenen US-Anbieters HCSS. Bereits kurz zuvor hatte JPMorgan dieselbe Einstufung bestätigt, nachdem Nemetschek seine Jahresziele wegen der HCSS-Übernahme angepasst hatte. Die bessere Margenentwicklung und ein möglicherweise vorsichtig angesetzter Ausblick für HCSS wertete die Bank damals als Pluspunkte für den Kurs.

Andere Banken sehen weniger Spielraum

Nicht alle Analysten teilen den Optimismus in dieser Höhe. Die Deutsche Bank nahm die Coverage Anfang Juli mit „Buy“ wieder auf, setzte das Kursziel aber nur bei 75 Euro an. Goldman Sachs senkte sein Ziel zuvor auf 90 Euro, blieb aber ebenfalls bei „Buy“.

Die Bandbreite zwischen 75 und 110 Euro zeigt die Unsicherheit, die seit der milliardenschweren HCSS-Übernahme auf dem Papier lastet. Der Kurs von 58,65 Euro liegt aktuell rund 57 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 137,90 Euro vom 8. August 2025. Selbst das optimistischste Kursziel würde fast eine Verdopplung bedeuten.

Charttechnik zeigt fragile Stabilisierung

Die Aktie bewegt sich derzeit nur knapp über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 58,28 Euro. Der Abstand beträgt gerade einmal 0,63 Prozent – ein hauchdünnes Polster. Zum langfristigen 200-Tage-Durchschnitt von 72,65 Euro klafft dagegen eine Lücke von fast 19,3 Prozent.

Der RSI notiert bei 51,1 Punkten. Das signalisiert einen neutralen Zustand, weder überkauft noch überverkauft. Auffällig bleibt die hohe Schwankungsbreite: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei knapp 61 Prozent und unterstreicht die Nervosität seit der HCSS-Übernahme.

Auf Wochensicht hat sich der Kurs bereits leicht erholt, ein Plus von 3,17 Prozent steht zu Buche. Seit Jahresbeginn bleibt dennoch ein Minus von 36,80 Prozent. Diese Diskrepanz zwischen kurzfristiger Stabilisierung und langfristigem Kursverfall bildet den Kern der aktuellen Unsicherheit.

Größere unternehmensspezifische Termine stehen in der kommenden Woche nicht an. Der nächste Quartalsbericht wird laut Finanzkalender erst im vierten Quartal erwartet. Bis dahin dürfte sich der Kurs weiter zwischen der 50-Tage-Linie als Unterstützung und dem deutlich höheren 200-Tage-Durchschnitt als Widerstand bewegen – mit weiteren Analystenreaktionen als wahrscheinlichstem kurzfristigen Impulsgeber.