Zweistelliges Umsatzwachstum, ein Gewinnsprung von über 25 Prozent — und trotzdange rauscht die Aktie zweistellig nach unten. Bei Nemetschek klafft nach den Halbjahreszahlen die Lücke zwischen operativer Realität und Kursreaktion so weit auseinander wie selten. Der Grund liegt tiefer als in den nackten Wachstumszahlen.

Das Nettoergebnis kletterte im zweiten Quartal auf 66,0 Millionen Euro, der Umsatz stieg auf 327,7 Millionen Euro. Die Annual Recurring Revenue wuchs währungsbereinigt um 17,4 Prozent auf 1,25 Milliarden Euro, das Abo- und SaaS-Geschäft legte um 27,8 Prozent zu. Zahlen, die auf den ersten Blick nach einem soliden Quartal aussehen.

Der Haken steckt in der Marge

Ein außergewöhnlicher Währungsbewertungseffekt im Zusammenhang mit der jüngst abgeschlossenen HCSS-Übernahme belastete das operative Ergebnis spürbar. Die operative Marge sank von 30,5 auf 30,1 Prozent im Jahresvergleich — ein Rückgang, der die Anleger offenbar stärker traf als das eigentlich über den Erwartungen liegende organische Umsatzwachstum von 14,5 Prozent.

Verschärft wurde die Reaktion durch die Ausgangslage: Der Kurs war den vier Handelstagen vor der Vorlage um fast 20 Prozent gestiegen. Die Latte lag entsprechend hoch, der Spielraum für Enttäuschungen entsprechend klein. Die Aktie notierte am Berichtstag rund 7 Prozent tiefer bei etwa 62 Euro.

Analysten driften auseinander

Die Einschätzungen zur Aktie könnten kaum weiter auseinanderliegen. JPMorgan-Analyst Joseph George bestätigte seine Kaufempfehlung mit Kursziel 110 Euro und argumentierte, das organische Wachstum habe die Erwartungen übertroffen — die zugrunde liegende Ebitda-Entwicklung sei robuster, als die Schlagzeilenzahl vermuten lasse. UBS-Analyst Michael Briest hatte dagegen bereits Mitte Juli sein Kursziel auf 53 Euro gesenkt und eine Verkaufsempfehlung ausgesprochen, mit Verweis auf mögliche HCSS-bedingte Abschreibungen und eine generelle Neubewertung von Softwaretiteln.

Der Vorstand hält trotz der Kursturbulenzen an seinen Jahreszielen für das organische Geschäft fest: währungsbereinigtes Umsatzwachstum zwischen 14 und 15 Prozent, eine Ebitda-Marge zwischen 32 und 33 Prozent. Ohne die einmaligen Kosten im Zusammenhang mit der Akquisition hätte die Marge sogar am oberen Rand dieser Spanne gelegen. Ob der Markt diese Unterscheidung zwischen bereinigten und ausgewiesenen Zahlen in den kommenden Handelstagen honoriert, dürfte sich an der weiteren Kursentwicklung ablesen lassen.