Der Streaming-Pionier Netflix steht vor einer weitreichenden Veränderung seiner Geschäftsstrategie. Während der Konzern im zweiten Quartal 2026 solide Ergebnisse lieferte, sorgt eine Entscheidung der Unternehmensführung für Diskussionen am Kapitalmarkt: Netflix wird die Veröffentlichung vierteljährlicher Abonnentenzahlen künftig einstellen. Co-CEO Greg Peters begründete diesen Schritt damit, dass reine Nutzerzahlen angesichts neuer Einnahmequellen wie Werbung und Zusatzgebühren für geteilte Konten eine „historische“ Kennzahl seien.

Quartalszahlen und gedämpfter Ausblick

In dem am 16. Juli abgeschlossenen zweiten Quartal erzielte Netflix einen Rekordumsatz von 12,56 Milliarden US-Dollar, was einer Steigerung von 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Gewinn pro Aktie belief sich auf 0,80 US-Dollar und lag damit leicht über den Erwartungen. Trotz dieser Zuwächse verlangsamt sich das Wachstumstempo: Nachdem das Plus im ersten Quartal noch bei 16,2 Prozent gelegen hatte, prognostiziert das Unternehmen für das laufende dritte Quartal nur noch ein Umsatzwachstum von 11,7 Prozent.

Die Aktie reagierte auf die Ergebnisse und den vorsichtigen Ausblick mit deutlichen Abgaben und verlor seit dem Höchststand deutlich an Boden. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus bereits auf rund 20 Prozent. Am Freitag schloss das Papier bei 62,21 Euro, was einem Rückgang von 1,91 Prozent entspricht. Damit verzeichnet der Wert über einen Zeitraum von 30 Tagen ein Minus von 4,62 Prozent. Die Marktkapitalisierung beläuft sich aktuell auf umgerechnet 258,82 Milliarden Euro.

Neue Wachstumsfelder und juristische Hürden

Um die Abhängigkeit vom reinen Streaming-Wachstum zu verringern, expandiert Netflix in neue Bereiche. Dazu zählen die Monetarisierung von Videospielen, Video-Podcasts und der Aufbau physischer Erlebniszentren unter der Marke „Netflix House“. Zudem investiert der Konzern massiv in Inhalte: Für rund 500 Millionen US-Dollar sicherte sich Netflix eine fünfjährige Lizenz für das „The Walking Dead“-Universum, die ab 2027 greift.

Überschattet wird die strategische Neuausrichtung von einer Klage über 105 Millionen US-Dollar. Produzenten werfen dem Unternehmen vor, eine unverschlüsselte Master-Datei des Films „Fortitude“ mit Nicolas Cage verloren und den Vorfall vertuscht zu haben. Netflix weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet die Forderung als haltlos. Parallel dazu wurden Verkäufe durch Insider bekannt. CEO Greg Peters veräußerte bereits im Mai 27.312 Aktien, während Director Bradford Smith im Juni ein Paket von 35.990 Anteilen abstieß.

Analysten sehen deutliches Aufwärtspotenzial

Trotz der aktuellen Kurskrise und des Rückzugs von Reed Hastings aus dem Verwaltungsrat im Juni bleiben viele Experten optimistisch. Die Analysten von UBS sehen ein Kursziel von 115 US-Dollar und betonen das Aufwärtspotenzial von über 50 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Auch das Analysehaus Wedbush stuft die Aktie mit „Outperform“ und einem Zielwert von 105 US-Dollar ein.

Der Marktkonsens spiegelt diese Zuversicht wider und bewertet die Aktie im Durchschnitt als „Moderate Buy“ mit einem mittleren Kursziel von 103,48 US-Dollar. Während das Wachstum im Kerngeschäft Streaming reifer wird, setzen Investoren nun verstärkt auf die Cash-Generierung und die Erfolgsaussichten der neuen Geschäftsfelder wie Gaming und das werbefinanzierte Modell.