Ein Weltkonzern rutscht auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren, während der ewige Rivale aus Herzogenaurach mit Rekordumsätzen glänzt. Nike verliert seinen Platz im S&P 100, Adidas bekommt ein Kursziel-Upgrade. Selten lagen zwei Branchengrößen so weit auseinander wie aktuell.
Zum Wochenschluss am 4. September notierte die Nike-Aktie bei 38,40 US-Dollar – ein Zwölf-Jahres-Tief und ein Minus von rund 40 Prozent seit Jahresbeginn. Die angekündigte Herausnahme aus dem S&P 100 verschärft den Druck zusätzlich, weil Indexfonds ihre Bestände nun zwangsweise abbauen müssen. Im Hintergrund steckt ein fundamentales Problem: Der Umsatz im Geschäftsjahr 2026 stagnierte bei 46,4 Milliarden US-Dollar und sank währungsbereinigt um 2 Prozent.
Adidas kämpfte im Sommer mit einem eigenen Rückschlag, zeigt inzwischen aber Stabilisierungstendenzen. Nach einer heftigen Verkaufswelle im Juli – ausgelöst durch einen Gewinn-Fehltritt trotz Rekordumsatzes von 6,74 Milliarden Euro – pendelt sich die Aktie um die 148-Euro-Marke ein. Ein Kurssprung von 2,2 Prozent nach einem Upgrade von Barclays deutet darauf hin, dass institutionelle Anleger über kurzfristige Marketingkosten hinwegblicken und auf mittelfristige Margenausweitung setzen.
| Kennzahl (Sept. 2026) | Nike (NKE) | Adidas (ADS.DE) |
|---|---|---|
| Aktienkurs | 38,40 $ | 148,67 € |
| Marktkapitalisierung | ~57 Mrd. $ | ~26,5 Mrd. € |
| KGV (Forward) | 24,1x | 17,2x |
| Dividendenrendite | 4,2 % | 1,9 % |
| Bruttomarge | 43,2 % | 51,6 % |
| Umsatzwachstum (YoY) | -2,0 % | +6,3 % |
| Wochenperformance | -2,8 % | +2,2 % |
Margenprofile: Adidas zieht davon
Die Kluft zwischen beiden Konzernen zeigt sich am deutlichsten in der Ertragsstärke. Unter CEO Bjørn Gulden hat Adidas eine Premium-Preisstrategie durchgesetzt, die sich in einer Bruttomarge von 51,6 Prozent niederschlägt – deutlich mehr als Nikes 43,2 Prozent. Getragen wird diese Entwicklung vom Abklingen der Yeezy-Lagerbestände und einem Comeback der Originals-Sparte.
Modelle wie Samba und Gazelle verschaffen Adidas erhebliche Preissetzungsmacht. Während der breite Einzelhandel mit tiefen Rabatten kämpft, kann der Konzern aus Herzogenaurach seine Produkte weitgehend ohne Preisnachlässe absetzen. Genau diese Disziplin fehlt derzeit beim amerikanischen Rivalen.
Direktvertrieb als Nike-Falle
Nike leidet unter den Nachwirkungen seiner Direct-to-Consumer-Strategie. Ursprünglich sollte der eigene Vertrieb höhere Margen sichern, stattdessen verprellte er Großhandelspartner und öffnete kleineren, wendigen Konkurrenten wie Hoka und On Running die Regale. Aktuelle Zahlen zeigen die Kehrseite: Der Umsatz im Nike-Direct-Segment fiel im letzten Quartal um 6 Prozent, während der klassische Großhandel im ähnlichen Ausmaß zulegte.
Der Rückweg in den Großhandel dürfte teuer und langwierig werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Nikes starke Abhängigkeit von asiatischer Fertigung das Unternehmen anfällig für Handelskonflikte macht – Schätzungen zufolge hängen rund 95 Prozent der Gewinne an den Zollbeziehungen zwischen den USA und Vietnam.
Markenimage und Wettbewerbsposition
Nike bleibt die bekannteste Sportmarke der Welt und verfügt über eine beispiellose Riege an Top-Athleten. Die Dividendenrendite von 4,2 Prozent bietet geduldigen Anlegern zumindest ein Einkommenspolster. CEO Elliott Hill, seit Ende 2024 wieder am Ruder, setzt auf eine „Sport-first“-Ausrichtung und will von Fußball-Weltmeisterschaft und Olympia-Zyklus profitieren. Vorbestellungen für Trikots großer Turniere Ende 2026 liegen bereits beim 2,5-Fachen des Niveaus von 2022 – ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Umsatzentwicklung.
Adidas gewinnt derweil den Kampf um jüngere Zielgruppen. Durch die Diversifizierung der Produktion nach Mexiko und Lateinamerika hat der Konzern die Lieferkettenrisiken entschärft, die Nike aktuell belasten. Während das „Nike Multiplier“-Konzept zur engeren Verzahnung von Produkt und Marke bislang kaum messbare Erfolge zeigt, hat der Originals-Relaunch bei Adidas längst Zahlen geliefert. Der für Ende September angesetzte Innovation Day könnte mit neuer Lauftechnologie sogar Nikes Kerndomäne, den Performance-Bereich, angreifen.
Analystenblick: Bewertung mit unterschiedlichen Vorzeichen
Die Stimmung an der Wall Street hat sich zuletzt deutlich verschoben. Analysten von Evercore und BTIG halten trotz des Zwölf-Jahres-Tiefs an „Hold“- beziehungsweise „Sell“-Einstufungen für Nike fest. Ihr Argument: Ein Forward-KGV von 24,1 lässt sich kaum rechtfertigen, wenn der Gewinn je Aktie gleichzeitig um 3,1 Prozent schrumpft. Der Konsens sieht in Nike derzeit eher eine mehrjährige Turnaround-Wette als eine schnelle Erholungsgeschichte.
Adidas gilt in der institutionellen Wahrnehmung als klassischer GARP-Titel – Wachstum zu einem vernünftigen Preis. Mit einem Forward-KGV von 17,2 ist die Aktie günstiger bewertet als Nike, obwohl sie deutlich stärker wächst. Barclays-Analysten argumentierten Anfang September, der Markt überschätze die Kategorierisiken und unterschätze das Margenpotenzial – die EBIT-Marge könnte bis Jahresende auf 9,1 Prozent klettern und damit über der eigenen Unternehmensprognose von 8,5 Prozent liegen.
Charttechnik: Wer hat mehr Rückenwind?
Das Chartbild bei Nike ist wenig einladend, bietet für antizyklische Anleger aber womöglich einen Einstiegspunkt. Die Aktie testet gerade eine potenzielle langfristige Bodenbildung bei 38,40 Dollar. Reißt diese Marke, wartet die nächste Unterstützung erst beim Tief von 2014 nahe 34,90 Dollar. Sowohl der 50-Tage- als auch der 200-Tage-Durchschnitt zeigen nach unten, der RSI signalisiert überverkauftes Terrain.
Adidas präsentiert sich technisch konstruktiver. Nach dem Kurseinbruch im Juli bildete sich zwischen 140 und 145 Euro eine Basis, von der aus die jüngste Erholung Richtung 148 Euro startete. Der Widerstand bei 165 Euro – das Vorkrisenhoch – markiert die nächste wichtige Hürde. Solange die Aktie über dem Jahrestief von 129,95 Euro bleibt, gilt der seit 2024 etablierte Aufwärtstrend als intakt.
Chancen und Risiken im Vergleich
Nike bietet die Sicherheit einer riesigen Cash-Maschine mit legendärem Markenwert, muss aber kurzfristig als fallendes Messer gelten. Die Chance liegt in einer erfolgreichen Neuausrichtung, die verlorene Innovationskraft zurückbringt. Das größte Risiko bleibt der China-Markt, wo der Umsatz zuletzt um 11 Prozent einbrach.
Adidas punktet mit höherem Wachstum und besseren Margen, trägt dafür aber eine höhere Verschuldung mit einem Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital von 1,02. Die Chance besteht darin, die Position als führende Lifestyle-Marke zu festigen und gleichzeitig im Performance-Segment aufzuholen. Das Risiko: Modewellen drehen sich, und sollte der aktuelle Silhouetten-Trend abflauen, fehlt möglicherweise ein zugkräftiges zweites Standbein.
Value-Wette oder Momentum-Story: Die Wahl der Anleger
Die Entscheidung zwischen beiden Aktien hängt stark vom Anlagehorizont ab. Nike verkörpert den klassischen Value-Fall mit hoher Dividendenrendite, der Geduld belohnt. Die Herausnahme aus dem S&P 100 könnte sich im Rückblick als Kapitulationsphase erweisen, wie sie häufig langfristigen Böden bei Blue Chips vorausgeht. Wer auf laufende Erträge und einen tiefen Einstiegskurs setzt, findet bei knapp 38 Dollar durchaus Argumente.
Adidas steht dagegen für die Momentum-Story mit strukturellem Rückenwind. Der Konzern wandelt Rekordumsätze effizient in gesunde Margen um, und ein niedrigeres Forward-KGV bei klar erkennbarer Innovationspipeline spricht Anleger an, die auf Kursgewinne und Marktanteilsgewinne setzen. Beide Unternehmen bewegen sich derzeit mit sehr unterschiedlichem Tempo durch dieselbe Branche. Ob sich diese Kluft in den kommenden Wochen – etwa mit dem Wirksamwerden der Index-Umschichtung und dem Adidas Innovation Day – weiter vertieft oder wieder schließt, dürfte die nächste wichtige Wegmarke für beide Aktien sein.
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