Nokia bekommt die Kehrseite seines KI-Booms zu spüren. Die Aktie notiert am heutigen Dienstag bei 7,97 Euro und verliert damit 2,09 Prozent. Der Titel bewegt sich mit einem RSI von 29,6 in überverkauftem Terrain – ein Warnsignal, das auf erschöpften Verkaufsdruck hindeutet, aber keine automatische Trendwende garantiert. Von seinem 52-Wochen-Hoch bei 14,97 Euro trennen das Papier inzwischen 46,76 Prozent, während es seinen 200-Tage-Durchschnitt von 7,88 Euro nur noch knapp um 1,19 Prozent überragt. Der langfristige Aufwärtstrend hängt damit an einem seidenen Faden, gestern schloss die Aktie noch bei 8,14 Euro.
Auftragsboom bei künstlicher Intelligenz
Dabei hatte Nokia vergangene Woche eigentlich Zahlen vorgelegt, die Anleger hätten begeistern sollen. Im zweiten Quartal sammelte der finnische Netzwerkausrüster KI- und Cloud-Aufträge im Volumen von 2,8 Milliarden Euro ein – das 6,3-Fache des entsprechenden Quartalsumsatzes. Die AI/Cloud-Umsätze selbst verdoppelten sich mehr als, sie kletterten um 105 Prozent auf 446 Millionen Euro. Das Management rechnet damit, dass sich rund die Hälfte des Auftragsbestands binnen zwölf Monaten in Umsatz von etwa 1,4 Milliarden Euro übersetzt. Der Gesamtumsatz des Konzerns stieg im zweiten Quartal um 8 Prozent auf 4,815 Milliarden Euro, der vergleichbare operative Gewinn legte um 18 Prozent auf 434 Millionen Euro zu und übertraf damit die Konsenserwartung von 382 Millionen Euro klar.
Cash-Burn und Restrukturierung trüben das Bild
Unter dem Strich blieb dennoch ein ausgewiesener operativer Verlust von 50 Millionen Euro stehen, verglichen mit einem Gewinn von 147 Millionen Euro im Vorjahresquartal – belastet durch Restrukturierungskosten von 390 Millionen Euro. Der freie Cashflow rutschte auf minus 732 Millionen Euro ab, ein Wert, der die Sorge um die Finanzierung des KI-Wachstums nährt. Nokia hob die Jahresprognose für den vergleichbaren operativen Gewinn zwar auf eine Spanne von 2,1 bis 2,6 Milliarden Euro an, dies geht jedoch überwiegend auf eine technische Anpassung zurück. Für das dritte Quartal erwartet der Konzern einen Umsatzanstieg von 3 bis 7 Prozent gegenüber dem Vorquartal, die Zahlen sollen am 22. Oktober vorgelegt werden. Bemerkenswert: Drei Insider kauften am 24. Juli insgesamt 165.293 Nokia-Wertpapiere – ein Signal, das Vertrauen in die mittelfristige Story signalisiert, auch wenn der Kurs seither weiter unter Druck geriet.
Analysten so uneins wie selten
Die Finanzmarktreaktion fällt entsprechend gespalten aus. Nach den Q2-Zahlen liegen die Einschätzungen laut der finnischen Wirtschaftszeitung Kauppalehti so weit auseinander wie selten: Ein Analyst rechnet mit einem Kursrückgang von 40 Prozent, ein anderer mit einem Plus von mehr als 100 Prozent, wobei die Mehrheit weiterhin optimistisch bleibt. Craig-Hallum bekräftigte sein Kaufvotum mit einem Kursziel von 15 US-Dollar für die in New York gehandelte Nokia-Aktie, Northland Securities nennt dort sogar 20 US-Dollar. Northland senkte zugleich seine EPS-Schätzung für das dritte Quartal von 0,09 auf 0,07 US-Dollar. Der breitere Analystenkonsens für die US-Notierung bewegt sich damit zwischen einem durchschnittlichen Kursziel von rund 12,57 US-Dollar bei vorsichtigeren Häusern und deutlich höheren Marken bei den Optimisten – ein Spread, der die Unsicherheit über das Tempo der KI-Monetarisierung widerspiegelt.
Nvidia als Wette aufs 6G-Netz
Parallel zur Bilanzdebatte treibt Nokia seine technologische Neuausrichtung voran. Der Konzern erwägt, für die nächste Generation seiner Massive-MIMO-Funkeinheiten Nvidia-Grafikprozessoren einzusetzen statt eigens entwickelter Chips. Nokia-Chef Justin Hotard erklärte, KI-gestütztes Radio Access Network könne die spektrale Effizienz bis 2028 um mehr als 100 Prozent steigern. Damit positioniert sich Nokia gegen Rivalen Ericsson, der weiterhin auf kundenspezifische Halbleiter setzt. Erste Versuche laufen bereits mit T-Mobile US und dem indonesischen Anbieter Indosat Ooredoo Hutchison. Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex: Auf der einen Seite steht ein rasant wachsendes KI-Auftragsbuch, auf der anderen ein spürbarer Cash-Abfluss und ein Kurs, der binnen 30 Tagen fast 30 Prozent verloren hat.
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