Ausgangslage: Zwei gegensätzliche Nachrichten in einer Woche
Novartis steht diese Woche vor einem ungewöhnlichen Spannungsfeld. Auf der einen Seite meldete der Konzern positive Phase-3-Ergebnisse für Remibrutinib (Handelsname Rhapsido) bei schubförmiger Multipler Sklerose: In den Studien REMODEL-1 und REMODEL-2 mit rund 2.000 Patienten erreichte das orale Medikament seinen primären Endpunkt, die Reduktion der jährlichen Schubrate, im Vergleich zum etablierten Wirkstoff Teriflunomid.
Konkrete Effektgrößen hat Novartis bislang nicht veröffentlicht, die Daten sollen als Late-Breaker beim Kongress MSToronto2026 vorgestellt werden. Globale Zulassungsanträge sind geplant.
Auf der anderen Seite pausierte Novartis Ende August acht klinische Studien zur CAR-T-Zelltherapie Rapcabtagene autoleucel (rap-cel, auch YTB323) bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus, rheumatoider Arthritis und MS. Grund sind drei Todesfälle durch eine schwere Immunreaktion, die als IEC-HS bezeichnet wird.
Auch Bristol Myers Squibb setzte vorsorglich Studien zu einem ähnlichen Wirkstoff aus. Das Onkologie-Programm von Novartis ist von der Pause nicht betroffen. Beide Nachrichten trafen den Markt praktisch zeitgleich, was die Aktie zunächst kräftig anschieben ließ – Berichten zufolge legte sie in Zürich zwischenzeitlich um bis zu 5,6 Prozent zu.
Ergänzend meldete Novartis einen Lizenzdeal mit dem südkoreanischen Unternehmen Alteogen: Für subkutane Formulierungen auf Basis der ALT-B4-Plattform zahlt Novartis bis zu 3,223 Milliarden US-Dollar plus Lizenzgebühren – bereits der vierte derartige Deal des Konzerns in diesem Jahr.
Die entscheidende Frage: Trägt der MS-Erfolg die Rally, oder bremst die CAR-T-Pause das Vertrauen?
Für Anleger läuft die kommende Phase auf eine zentrale Frage hinaus: Bleibt Remibrutinib der dominierende Kurstreiber, oder überschattet die Sicherheitsdebatte um rap-cel das Bild? Aktuell notiert die Aktie bei 138,58 Euro und damit rund 2,5 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 135,15 Euro – ein Zeichen, dass der kurzfristige Trend intakt ist.
Zugleich liegt der Kurs noch 4,0 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 144,30 Euro, das erst Ende Februar erreicht wurde. Der Abstand zeigt: Der Markt hat den MS-Erfolg bereits eingepreist, traut sich aber noch nicht an neue Höchststände heran.
Bullisches Szenario
Sollten die Remibrutinib-Daten bei der Präsentation in Toronto überzeugende Effektgrößen liefern und die Zulassungsanträge zügig vorankommen, hätte Novartis mit Rhapsido ein weiteres Standbein im MS-Markt – zusätzlich zur bereits erteilten Zulassung bei chronischer spontaner Urtikaria in den USA und der EU.
Der Lizenzdeal mit Alteogen unterstreicht zudem, dass Novartis seine Pipeline über Zukäufe und Partnerschaften aktiv verbreitert, was langfristig Diversifikation gegen Rückschläge einzelner Programme schafft. In diesem Szenario bliebe die CAR-T-Pause ein isoliertes Sicherheitsthema ohne Ausstrahlung auf das übrige Portfolio, zumal die Onkologie-Studien davon ausdrücklich unberührt sind.
Bärisches Szenario: Das Sicherheitsrisiko ist real
Die drei Todesfälle durch IEC-HS sind kein Randproblem. Dass gleich zwei große Unternehmen – Novartis und Bristol Myers Squibb – am selben Tag Studien zu vergleichbaren Zelltherapien aussetzten, deutet auf ein plattformübergreifendes Risiko hin, möglicherweise verbunden mit den eingesetzten Schnellherstellungsverfahren.
Sollte sich die Ursache nicht rasch klären lassen oder auf weitere Indikationen ausweiten, drohen längere Verzögerungen im gesamten Autoimmun-Programm von rap-cel. Das wäre ein Dämpfer für eine Plattform, die Novartis als strategisch wichtig für die Zukunft jenseits klassischer Kleinmoleküle positioniert hat.
Zudem bleibt bei Remibrutinib das Risiko bestehen, dass die noch unveröffentlichten Effektgrößen bei der Präsentation schwächer ausfallen als vom Markt erhofft – ein Szenario, das die aktuelle Kursprämie schnell infrage stellen könnte.
Ausblick: Toronto als nächster Prüfstein
Solange der Kurs oberhalb seines 50-Tage-Durchschnitts verharrt und keine neuen Sicherheitssignale aus dem rap-cel-Programm hinzukommen, dürfte die MS-Story dominieren und die Aktie in Reichweite ihres 52-Wochen-Hochs halten.
Kippt diese Konstellation – etwa durch enttäuschende Detaildaten in Toronto oder eine Ausweitung der CAR-T-Sicherheitsbedenken auf weitere Fälle –, wäre eine Korrektur in Richtung der gleitenden Durchschnitte wahrscheinlich.
Der nächste konkrete Katalysator ist die Datenpräsentation von Remibrutinib beim Kongress MSToronto2026, bei der erstmals konkrete Effektgrößen erwartet werden. Parallel dürfte die Aufklärung der IEC-HS-Fälle im Fokus bleiben, da sie über das Tempo der Wiederaufnahme der pausierten Studien entscheidet.
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