Wer wissen will, wie fragil das Vertrauen in Novo Nordisk derzeit ist, muss sich nur ansehen, wie wenig Raum das Unternehmen für Enttäuschungen hat. Am Montag stoppte der Konzern zwei späte Studien zum Herzmittel Ziltivekimab, weil ein unabhängiges Kontrollgremium eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit sah.

Am selben Tag präsentierte Novo Nordisk positive Daten zu Semaglutid bei Kindern. Zwei Nachrichten, ein Tag – und trotzdem dominiert am Markt die schlechte.

Das ist die eigentliche Geschichte hinter der Aktie: Novo Nordisk hat sich so sehr an GLP-1-Präparaten wie Wegovy und Ozempic festgemacht, dass jeder Rückschlag außerhalb dieses Kerngeschäfts überproportional wiegt, während Fortschritte innerhalb des Kerngeschäfts kaum noch als Überraschung gelten.

Der Aktienkurs notiert bei 38,73 Euro, knapp sechs Prozent unter dem 30-Tage-Durchschnitt und rund 29 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 54,86 Euro. Wer seit Jahresbeginn investiert ist, sitzt auf einem Minus von 12 Prozent.

Die Diversifizierung, die nicht recht gelingen will

Ziltivekimab sollte einmal beweisen, dass Novo Nordisk mehr kann als Gewichtsreduktion und Diabetes. Das Präparat richtete sich gegen Herzinsuffizienz – ein Markt, der dem Konzern eine zweite Säule hätte geben können. Nun sind zwei von drei späten Studien vorzeitig beendet, weil die Erfolgsaussichten laut Kontrollgremium zu gering waren.

Eine dritte Studie an Patienten nach Herzinfarkt läuft weiter, Ergebnisse werden für die erste Hälfte 2027 erwartet. Nach Unternehmensangaben zeigte sich bei Sicherheit und Verträglichkeit nichts Neues – das war aber nie das Problem, sondern die Wirksamkeit.

Genau das nährt die Sorge, die Novo Nordisk seit Monaten begleitet: Wie tragfähig ist die Story, wenn die Pipeline außerhalb von Adipositas und Diabetes nicht liefert? Es ist ein Muster, das viele Pharmakonzerne kennen, die mit einem Blockbuster groß geworden sind – der Erfolg im Kerngeschäft wird zur Erwartungshaltung, jeder Ausbruchsversuch in neue Indikationen zum Wagnis mit hohem medialen Preis.

Die Kinderstudie liefert, was der Markt eigentlich sehen will

Dabei zeigte die STEP-Young-Phase-3-Studie, dass das Kerngeschäft weiterhin funktioniert. Bei Kindern zwischen sechs und unter zwölf Jahren galten nach 68 Wochen Behandlung mit Semaglutid 40,4 Prozent nicht mehr als adipös, der primäre Endpunkt zur BMI-Reduktion wurde erreicht. Das ist eine Erweiterung des adressierbaren Marktes in eine Altersgruppe, die bislang kaum behandelt wurde – langfristig relevanter für den Umsatz als so manche Randindikation. Nur: An der Börse zählte diese Nachricht am selben Tag weniger als der Studienabbruch bei Ziltivekimab.

Hinzu kommt der Blick auf das operative Europageschäft: Seit Anfang September ist die Wegovy-Tablette in Deutschland erhältlich, dem größten Pharmamarkt der Europäischen Union. Das orale Präparat gilt als wichtiger Hebel, weil es Patienten anspricht, die vor Injektionen zurückschrecken.

Reuters berichtete zudem, dass Novo Nordisk am 21. September einen Kapitalmarkttag abhält – ein Termin, der zeigen dürfte, wie das Unternehmen die Lücke zu füllen gedenkt, die Ziltivekimab hinterlässt.

Skepsis, die sich in den Prognosen festsetzt

Die Analysten von Citi bekräftigten Anfang September ihre Verkaufsempfehlung mit einem Kursziel von 265 dänischen Kronen und verwiesen auf ihren wöchentlichen IQVIA-Tracker, der eine Abschwächung bei neu verschriebenen GLP-1-Präparaten zeige – mit Ausnahme der oralen Wegovy-Variante. Das passt zum Bild: Die orale Tablette ist derzeit einer der wenigen Lichtblicke, während das breitere Verschreibungswachstum an Schwung verliert.

Bleibt die Frage, ob der Kapitalmarkttag Ende September die Erzählung drehen kann. Ein Konzern, der 176,78 Milliarden Euro Marktkapitalisierung auf wenigen Produktlinien aufbaut, braucht überzeugende Antworten darauf, wie er wächst, wenn nicht jede Wette aufgeht.

Die Kinderstudie zeigt, dass im Kern noch Substanz steckt. Ob das reicht, um die Erwartungen jenseits von Adipositas und Diabetes zu erfüllen, bleibt die zentrale Unsicherheit, die der Kurs derzeit einpreist.