Ausgangslage

Novo Nordisk arbeitet seine Aktienrückkäufe unbeirrt ab, während im Hintergrund gleich zwei neue klinische Studien anlaufen. Bis zum 14. August hat der Konzern seit Anfang Februar insgesamt 28.884.179 B-Aktien zu einem Durchschnittspreis von 279,80 dänischen Kronen zurückgekauft – Teil des auf zwölf Monate angelegten Rückkaufprogramms über 15 Milliarden Kronen.

Zwischen dem 4. und 7. August erwarb das Unternehmen zusätzlich 820.000 B-Aktien für 228,8 Millionen Kronen. Das Programm stützt den Kurs technisch, ersetzt aber keine fundamentale Wachstumsstory.

Genau die liefert derzeit die Forschungsabteilung: Am 19. August wurde die Phase-3-Studie OASIS 5 initiiert, die zwei niedrigere Erhaltungsdosen der oralen Semaglutid-Tablette (Wegovy-Pille) an 450 übergewichtigen oder adipösen Erwachsenen testet. Ziel ist eine bessere Verträglichkeit und mehr Behandlungsflexibilität; der primäre Studienabschluss wird für April 2028 erwartet.

Nur einen Tag zuvor, am 18. August, registrierte Novo Nordisk zudem eine Phase-I-Erststudie am Menschen für einen bislang unbekannten Adipositas-Kandidaten namens NNC0721-8060 mit 142 Teilnehmern – Semaglutid dient dabei als aktiver Vergleichsarm.

Für Anleger heißt das: Der Konzern verteidigt sein Kerngeschäft mit der Pille und sucht parallel nach der nächsten Molekülgeneration. Der Aktienkurs notiert bei 39,98 Euro und damit 3,9% unter dem 50-Tage-Durchschnitt – ein Zeichen, dass der Markt diese Pipeline-Aktivität bislang nicht enthusiastisch honoriert.

Die entscheidende Frage

Kann Novo Nordisk die Konkurrenz von Eli Lilly im Adipositasmarkt abwehren, bevor die eigene Pipeline reift? Genau diese Wettbewerbssorge trieb Berenberg am 12. August dazu, die Aktie von „Buy“ auf „Hold“ herabzustufen und das Kursziel auf 47 US-Dollar zu senken – mit Verweis auf zunehmenden Preisdruck und die Konkurrenzsituation im Abnehmmarkt.

Die beiden neuen Studien sind eine direkte Antwort darauf: OASIS 5 soll die Pille für mehr Patienten verträglich machen, NNC0721-8060 testet einen möglichen Nachfolgekandidaten.

Beide Programme sind aber Jahre von einer Marktzulassung entfernt. Die entscheidende Kennzahl für Anleger ist somit nicht der nächste Quartalsbericht, sondern das Tempo, mit dem Novo Nordisk aus diesen frühen Studienphasen marktfähige Produkte macht, bevor Eli Lilly weitere Marktanteile sichert.

Bullisches Szenario

Gelingt es Novo Nordisk, mit einer besser verträglichen Wegovy-Pille breitere Patientengruppen zu erschließen, dürfte sich die Marktführerschaft bei oralen GLP-1-Präparaten festigen.

Die Partnerschaft mit Amazon Web Services, die im August als bevorzugter globaler Cloud- und KI-Partner besiegelt wurde und einen Innovationshub in London für Wirkstoffforschung und klinische Datenanalyse etablieren soll, könnte die Entwicklungszyklen künftiger Kandidaten wie NNC0721-8060 beschleunigen.

Sollte sich zudem die technische Erholung fortsetzen – die Aktie notiert bereits 32% über ihrem 52-Wochen-Tief von 30,25 Euro – könnte das fortlaufende Rückkaufprogramm zusätzliches Kaufinteresse auslösen, sobald sich die fundamentale Stimmung dreht.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt im Zeitfaktor. OASIS 5 läuft bis 2028, NNC0721-8060 steckt noch in Phase I – beide Programme liefern kurzfristig keine Umsatzimpulse. Sollte Eli Lilly in dieser Zeitspanne weitere Zulassungen oder Preisvorteile erzielen, droht Novo Nordisk Marktanteile dauerhaft zu verlieren, wie es Berenberg bereits befürchtet.

Verschärfend kommt hinzu, dass institutionelle Investoren zuletzt Positionen abgebaut haben: Exchange Traded Concepts reduzierte seinen Bestand im zweiten Quartal um 20,5%, KMG Fiduciary Partners verkaufte im selben Zeitraum knapp ein Drittel seiner Anteile.

Solche Bewegungen sind kein Alarmsignal für sich, spiegeln aber eine gewisse Zurückhaltung institutioneller Anleger wider, während die Aktie mit einer 30-Tage-Volatilität von 40% ohnehin schwankungsanfällig bleibt.

Ausblick

Solange das Rückkaufprogramm plangemäß fortgesetzt wird und die neuen Studien ohne negative Zwischenmeldungen laufen, dürfte sich der Kurs in seiner aktuellen Spanne zwischen dem 52-Wochen-Tief und dem 50-Tage-Durchschnitt stabilisieren.

Kippt jedoch die Wettbewerbsdynamik weiter zugunsten von Eli Lilly oder liefern erste Zwischendaten aus Phase I für NNC0721-8060 enttäuschende Sicherheits- oder Wirksamkeitssignale, dürfte der Abwärtsdruck zunehmen, den bereits die Herabstufung durch Berenberg angedeutet hat.

Der nächste konkrete Prüfstein für Anleger ist der weitere Fortschritt der Phase-I-Studie zu NNC0721-8060, deren erste Daten Aufschluss darüber geben dürften, ob Novo Nordisk tatsächlich einen tragfähigen Nachfolgekandidaten für die Post-Semaglutid-Ära in der Hand hält.