Wenn Michael Burry, der Mann, der 2008 gegen den US-Häusermarkt wettete, von „zirkulären Ausgaben biblischen Ausmaßes“ spricht, hört die Wall Street hin. Genau das tut sie gerade bei Nvidia. Der Chiphersteller ist längst mehr als eine Aktie. Er ist zum Prüfstein für die Frage geworden, ob der KI-Boom auf echtem Wachstum steht oder auf einem Konstrukt aus gegenseitiger Finanzierung.

Die Aktie notiert bei 171,72 Euro, ein Wochenverlust von 5,66 Prozent sitzt noch in den Kursen. Vom Rekordhoch aus dem Mai bei 202,50 Euro trennen Nvidia mittlerweile 15,2 Prozent. Kein Absturz, aber ein Warnsignal für einen Titel, der jahrelang nur eine Richtung kannte.

Wer bezahlt eigentlich wen?

Der Vorwurf, den Burry und mit ihm der Milliardär Mark Cuban formulieren, klingt technisch, ist aber einfach zu verstehen. Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta – die großen „Hyperscaler“ – wollen 2026 zusammen rund 732,5 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur stecken. Ein großer Teil dieses Geldes landet bei Nvidia.

Das Problem: Nvidia selbst investiert wiederum in genau diese Kunden und deren Ökosysteme. Cuban warnt vor einem „beängstigenden Problem“, sollte sich herausstellen, dass die KI-Durchbrüche nicht schnell genug in echte Unternehmensgewinne münden. Die Parallele, die er zieht, ist unbequem: die Dotcom-Blase, in der Wachstum auch mehr Versprechen als Substanz war.

Nvidia lässt sich davon öffentlich nicht beirren. Ende Juli verkündete der Konzern eine Partnerschaft mit der südkoreanischen SK Group, die Geschäfte im Volumen von über 500 Milliarden Dollar umfassen soll. CEO Jensen Huang nennt das Ganze schlicht die „größte Infrastruktur-Expansion der Menschheitsgeschichte“. Große Worte – aber sie zeigen, wie sehr Nvidia auf Expansion statt auf Vorsicht setzt.

Der 26. August wird zur Nagelprobe

Am 26. August 2026 legt Nvidia die Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Der Konzern hat eine Umsatzprognose von etwa 91 Milliarden Dollar ausgegeben. Das wäre ein deutlicher Sprung gegenüber den 81,6 Milliarden Dollar aus dem Vorquartal.

Institutionelle Anleger sind sich uneins, wie realistisch das ist. Während True North Advisors und SEB Asset Management ihre Positionen Anfang des Jahres ausgebaut haben, hat Trivest Advisors seinen Bestand um mehr als 70 Prozent reduziert. Ein klares Signal für taktischen Rückzug bei einigen Profi-Investoren, während andere weiter aufstocken.

Dazu kommt politischer Druck. US-Exportbeschränkungen haben Nvidias Rechenzentrumsgeschäft in China praktisch gekappt, der Konzern muss das über tiefere Marktdurchdringung im Westen und in anderen Teilen Asiens ausgleichen. Eine neue Technik namens „Modell-Destillation“ – kleinere KI-Modelle lernen dabei von größeren – wird zum politischen Streitpunkt. Sie könnte es ausländischen Akteuren erlauben, Hardware-Exportkontrollen zu umgehen. Genau das würde Nvidias Burggraben aus Hardware und Software aufweichen.

Blase oder Schnäppchen?

Trotz der jüngsten Nervosität bleiben viele Analysten optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 262,76 Euro – ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von 53 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Morningstar vergibt Nvidia einen „Wide Moat“-Status, also einen breiten Wettbewerbsvorteil, warnt aber gleichzeitig vor „sehr hoher Unsicherheit“ und beziffert den fairen Wert auf umgerechnet rund 280 Dollar.

Der technische Blick liefert derzeit kein eindeutiges Bild. Der 14-Tage-RSI liegt bei 44,4 – weder überkauft noch überverkauft, die Aktie pendelt gerade ohne klare Richtung. Nvidia handelt aktuell 3,23 Prozent über seinem 200-Tage-Durchschnitt, ein Zeichen, dass der langfristige Aufwärtstrend trotz der Turbulenzen der letzten Wochen intakt bleibt.

Konkurrenz entsteht derweil an anderer Front: Google treibt seine eigene TPU-Chipreihe voran, mit der Version 9 will der Konzern Nvidias Auslieferungszahlen bis 2028 herausfordern. Nvidia kontert mit einem Aktienrückkaufprogramm über 80 Milliarden Dollar und einer Quartalsdividende von 0,25 Euro – Signale finanzieller Stärke, die aber nur überzeugen, wenn die Cashflows dahinter nachhaltig bleiben.

Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Reicht organisches Wachstum aus, um die gegenseitigen Milliardenverpflichtungen der Tech-Giganten zu rechtfertigen – oder trägt sich das System nur so lange, wie alle Beteiligten weiter mitspielen? Der 26. August wird darauf erste konkrete Antworten liefern müssen.