Nvidia trägt aktuell die Last der gesamten KI-Infrastruktur auf seinen Schultern. Am Mittwoch steht die Hauptversammlung an. Aktionäre stimmen über Standardthemen wie Vorstandsgehälter ab. Echte strategische Neuigkeiten fehlen auf der Agenda. Für Privatanleger ist das Treffen eher Nebensache. Die viel spannendere Frage lautet: Kann eine Aktie ihren eigenen, astronomischen Erwartungen dauerhaft davonlaufen?

Die Messlatte als eigentliches Risiko

Nvidia liefert historisch starke Zahlen und die Aktie fällt trotzdem. Dieses Muster wiederholte sich nach dem Mai-Bericht. Der Umsatz im Rechenzentrumsbereich hatte sich fast verdoppelt. Dennoch gaben die Papiere nach. Die Lektion für den Markt ist klar. Bei Nvidia ist die Erwartungshaltung das größte Risiko.

Das zeigt auch der Blick auf den Kurszettel. Am Freitag schloss die Aktie bei 181,96 Euro. Damit notiert sie rund zehn Prozent unter ihrem Rekordhoch. Die Spanne zwischen fundamentaler Stärke und ausgereizter Bewertung definiert die aktuelle Lage.

KI-Boom trifft auf Rekordbewertung

An der operativen Stärke gibt es keinen Zweifel. Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 85 Prozent. Er erreichte den Rekordwert von 81,6 Milliarden US-Dollar. Die neuen Blackwell-Chips treiben das Geschäft. Die Nachfrage reißt nicht ab.

Giganten wie Microsoft, Google und Amazon investieren massiv. Die globalen KI-Investitionen sollen im laufenden Jahr bis zu 725 Milliarden US-Dollar erreichen. Für das kommende Jahr prognostiziert Nvidia sogar Ausgaben von einer Billion Dollar. Das strukturelle Argument für die Dominanz des Chipentwicklers bleibt intakt.

Allerdings geht es längst um die Bewertung. Eine Marktkapitalisierung von fast 4,5 Billionen Euro nimmt extrem viel zukünftiges Wachstum vorweg. Die Börse diskutiert nicht mehr über den KI-Boom an sich. Sie debattiert über dessen Dauerhaftigkeit.

Entspannung im China-Geschäft

Ein politisches Risiko scheint sich derweil abzuschwächen. Nvidia hofft auf baldige Exportlizenzen für seine speziellen KI-Chips nach China. Die US-Regierung hat entsprechende Zusagen gemacht. Das revidiert eine Entscheidung der Trump-Administration vom April. Damals rechnete Nvidia noch mit Belastungen von 5,5 Milliarden Dollar.

Parallel dazu entwickelte der Konzern einen neuen, konformen Chip für den chinesischen Markt. Diese regulatorischen Wendemanöver zeigen das strukturelle Risiko deutlich. Im vergangenen Quartal lieferte Nvidia keine Hopper-Produkte für Rechenzentren nach China. Zuvor lag dieser Umsatz noch bei 4,6 Milliarden Dollar. Die neuen Lizenzen könnten dieses Loch nun teilweise füllen.

Richtung klar, Distanz offen

Charttechnisch sucht die Aktie nach Orientierung. Mit einem RSI von rund 50 ist der Markt völlig neutral positioniert. Der Kurs klammert sich eng an seinen gleitenden Durchschnitt der vergangenen 50 Tage. Ein Abrutschen unter die Marke von 180,04 Euro könnte weiteren Verkaufsdruck provozieren.

Analysten bleiben indes extrem optimistisch. Aktuell raten 38 Experten zum starken Kauf. Das durchschnittliche Kursziel verspricht ein Aufwärtspotenzial von über 40 Prozent. Die Spanne der Prognosen ist jedoch enorm. Das fasst die Nvidia-Story perfekt zusammen. Der Markt ist sich über die Richtung einig. Über die Flughöhe wird jedoch erbittert gestritten.