Nvidia liefert Quartalszahlen, die in der Halbleitergeschichte ihresgleichen suchen. Trotzdem verliert die Aktie an Boden. Hinter diesem Widerspruch steckt ein Signal, das Märkte zunehmend beunruhigt.

Rekordquartal, gedämpfte Reaktion

Im ersten Quartal des Fiskaljahres 2027 erzielte Nvidia einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar — ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz im Rechenzentrumsgeschäft kletterte auf 75,2 Milliarden Dollar und übertraf damit die Analystenerwartungen von 73,5 Milliarden Dollar deutlich.

Das Management genehmigte ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm über 80 Milliarden Dollar. Die Quartalsdividende stieg auf 0,25 Dollar je Aktie. Für das zweite Quartal stellte Nvidia einen Umsatz von 91 Milliarden Dollar in Aussicht.

Die Marktreaktion? Ernüchternd. Am Tag nach dem Bericht am 20. Mai fiel die Aktie um 1,77 Prozent. Seitdem hat sie sich nicht erholt. Mit 170,80 Euro liegt der Kurs rund 16 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro.

Das GPU-Mietpreis-Signal

Ein Datenpunkt zieht derzeit besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Der Stundensatz für die Anmietung von Nvidias B200-GPU fiel zwischen dem 30. Mai und dem 21. Juni von 6,11 auf 4,22 Dollar — ein Rückgang von rund 31 Prozent in drei Wochen.

Das ist kein technisches Detail. Sinkende Mietpreise signalisieren, dass das Angebot an Rechenkapazität schneller wächst als die Nachfrage nach neuen KI-Workloads. Für Nvidia bedeutet das: Preismacht schwindet. Analysten bei D.A. Davidson argumentieren, dass Micron und Nvidia derzeit handeln, als ob der KI-Zyklus seinen Höhepunkt erreicht habe.

Hinzu kommen Exportbeschränkungen. Das US-Handelsministerium schloss Anfang Juni 2026 eine Lücke, die es chinesischen KI-Unternehmen ermöglicht hatte, Nvidias Rubin- und Blackwell-Chips über Offshore-Tochtergesellschaften zu beziehen. JPMorgan und Bernstein schätzen den kumulierten Umsatzschaden durch Exportkontrollen und chinesische Konkurrenz auf 5,5 bis 16 Milliarden Dollar im laufenden Fiskaljahr. Chinas Anteil am Rechenzentrumsgeschäft ist inzwischen faktisch null.

Nvidia verliert im eigenen Boom

Das Paradoxe: Ausgerechnet der KI-Boom, den Nvidia ausgelöst hat, treibt andere Halbleiterwerte nach oben — nicht Nvidia selbst. Micron hat seinen Kurs in diesem Jahr fast verdreifacht, AMD hat sich ungefähr verdoppelt. Der VanEck Semiconductor ETF legte kräftig zu. Nvidia blieb zurück.

Wall Street dreht seine Aufmerksamkeit hin zu Speicherchips und Infrastruktur — dem nächsten Schritt im KI-Aufbau. Nvidia profitiert davon nicht direkt.

Vera Rubin als nächster Kurstreiber

Die Bullen setzen auf den Produktzyklus. Nvidias nächste Chip-Generation Vera Rubin soll in der zweiten Hälfte 2026 in Produktion gehen. AWS, Google Cloud, Microsoft Azure und CoreWeave gehören zu den ersten Abnehmern. Parallel dazu hat Nvidia eine mehrjährige Technologiepartnerschaft mit SK hynix geschlossen. Gemeinsam entwickeln sie Speicherlösungen für KI-Supercomputer, KI-PCs und Robotik-Plattformen.

Der Analystenkonses bleibt trotz allem positiv. Das mittlere Kursziel stieg von rund 269 Dollar im April auf etwa 300 Dollar im Juni. Von 61 Analysten empfehlen 48 die Aktie mit „Kaufen“, zehn mit „Outperform“. Nur einer rät zum Verkauf.

Das zentrale Risiko ist eine Bewertungskorrektur. Nvidia wird mit einem erheblichen Aufschlag gehandelt — da bleibt wenig Spielraum für Enttäuschungen. Mit einem RSI von 40,9 und einem Kurs knapp 6 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt zeigt die Aktie technische Schwäche. Ob die B200-Mietpreise sich stabilisieren und Vera Rubin planmäßig anläuft, wird die Richtung der nächsten Kursbewegung bestimmen.