Nvidias Bewertung ist deutlich unter ihren langjährigen Durchschnitt gefallen. Eine heute veröffentlichte Analyse beziffert das Kurs-Gewinn-Verhältnis für das Geschäftsjahr 2027 auf 23, gegenüber einem Fünfjahresdurchschnitt von 33,4. Das spricht für eine günstigere Bewertung als in der Vergangenheit. Eine verlässliche Kaufgelegenheit ergibt sich daraus aber nur, wenn das erwartete Gewinnwachstum tatsächlich eintritt.

Für Anleger liegt der entscheidende Unterschied zwischen einem niedrigeren Bewertungsniveau und einer Sicherheitsmarge. Nvidias Bewertung beruht auf erheblichen künftigen Erträgen. Enttäuschen diese Erwartungen, verliert auch ein zunächst moderat wirkendes Kurs-Gewinn-Verhältnis an Aussagekraft.

Wachstum trägt die Bewertungsargumente

Die operative Entwicklung liefert bislang Argumente für die optimistische Sicht. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027 stieg Nvidias Umsatz um 96% auf 177,8 Mrd. Dollar. Damit steht hinter der Bewertung nicht allein die Hoffnung auf einen späteren Durchbruch, sondern bereits ein stark wachsendes Geschäft.

Der Bewertungsabschlag zum historischen Durchschnitt fällt also mit einer kräftigen Geschäftsausweitung zusammen. Das macht die Aktie für Anleger interessant, die weiteres Wachstum erwarten. Der historische Vergleich allein beantwortet allerdings nicht, wie lange Nvidia dieses Tempo halten kann.

Analysten erwarten für Nvidia im nächsten Jahr ein Gewinnwachstum von 71%. Für die Unternehmen des S&P 500 liegt die entsprechende Erwartung bei 16%. Diese Prognosen erklären, weshalb eine Bewertung anhand künftiger Gewinne deutlich niedriger ausfallen kann als eine Betrachtung bereits erzielter Ergebnisse.

Dabei bleibt die Richtung der Rechnung entscheidend: Nicht niedrige Multiplikatoren erzeugen hohe Gewinne. Vielmehr lassen hohe Gewinnschätzungen die Multiplikatoren sinken. Wer die Aktie anhand dieser Kennzahl beurteilt, muss deshalb zugleich die zugrunde liegenden Erwartungen prüfen.

Wettbewerb und Quartalsbericht als Prüfsteine

Ein Risiko kommt von Kunden, die eigene Alternativen entwickeln. Amazon hat ein Softwarewerkzeug vorgestellt, mit dem seine Trainium-KI-Chips Code der verbreitetsten KI-Programmiersprache ohne Anpassung ausführen können. Alphabet bietet eigene KI-Chips inzwischen auch Unternehmen direkt zum Kauf an.

Das bedeutet keinen unmittelbar bevorstehenden Verlust von Nvidias Stellung. Amazon kauft weiterhin Nvidia-Chips. Die Entwicklung zeigt aber, dass Anleger neben der gesamten KI-Nachfrage auch die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Angebote im Blick behalten müssen. Ein wachsender Markt garantiert nicht automatisch unveränderte Marktanteile.

Der nächste wichtige Termin ist der Quartalsbericht am 18. November. Für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2027 hat Nvidia einen Umsatz von 108 Mrd. Dollar am Mittelpunkt der Prognose in Aussicht gestellt.

Damit erhält die Bewertungsdebatte einen konkreten Prüfstein. Entscheidend sind nicht nur die gemeldeten Erlöse, sondern auch die Hinweise auf die weitere Nachfrage. Nvidias niedrigere Bewertung bietet ein Argument für die Aktie – sie ersetzt jedoch nicht den Nachweis, dass das Geschäft die hohen Erwartungen weiter erfüllen kann.