Nächsten Mittwoch legt Nvidia seine Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Markt die Latte zu niedrig gelegt haben könnte.

Jefferies-Analyst Blayne Curtis, immerhin auf Platz 36 von über 12.000 bewerteten Analysten gelistet, rechnet mit einem Umsatz von 95 Milliarden Dollar – fast drei Milliarden über dem Konsens von 92,07 Milliarden Dollar. Für mich ist das mehr als eine gewöhnliche Prognose-Anpassung.

Ein Muster, das sich wiederholt

Schaut man auf die jüngste Historie, fällt etwas auf: Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres lieferte Nvidia 81,62 Milliarden Dollar Umsatz und übertraf die Erwartungen um 2,5 Milliarden Dollar. Curtis erwartet für das dritte Quartal sogar 108 Milliarden Dollar, wieder deutlich über den bisherigen Schätzungen.

Wer Nvidias Beat-Historie kennt, wird diese Wiederholung kaum als Zufall abtun. Die Wall Street bleibt entsprechend optimistisch: 32 Kaufempfehlungen stehen einer einzigen Halten-Einstufung gegenüber, das Kursziel liegt bei 305,86 Dollar.

Was diese Zahlen für mich besonders macht, ist ihr Fundament. Die Rubin-Plattform soll laut Jefferies bereits im dritten Quartal zwölf Prozent des GPU-Umsatzes ausmachen, im vierten Quartal mehr als 40 Prozent – und im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2028 die aktuelle Blackwell-Generation überholen.

Die Montagezeit für die Vera Rubin NVL72-Racks wurde von zwei Stunden auf fünf Minuten gedrückt. Das klingt nach einer Randnotiz, ist aber ein handfester Hinweis auf Skalierungsfähigkeit: Mehr als 13.000 Racks sollen bis Jahresende stehen, über 120.000 im kommenden Jahr.

Die Kehrseite: Bewertung und Abhängigkeiten

Ganz risikofrei ist die Geschichte trotzdem nicht. Das Forward-KGV von rund 16 basiert auf einer Konsensschätzung, die ein Gewinnwachstum von etwa 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr unterstellt. Trifft das nicht ein, dürfte die Bewertung schnell teurer aussehen, als sie heute wirkt – umgekehrt könnte ein deutlicher Beat das Multiple sogar auf 20 anheben, wie es in Marktkommentaren diskutiert wird.

Dazu kommt die Finanzierungsseite der gesamten KI-Infrastruktur. Nvidia und die großen Hyperscaler haben Berichten zufolge Take-or-Pay-Verträge im Volumen von mehr als 2,1 Billionen Dollar abgeschlossen, Nvidia selbst soll rund 500 Milliarden Dollar an Verpflichtungen für Blackwell und Rubin eingegangen sein.

Parallel dazu hat das Unternehmen Anfang August gemeinsam mit Partnern wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR Finanzierungsplattformen angekündigt, um mehr als 500 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur zu mobilisieren – inklusive einer 1,5-Milliarden-Dollar-Beteiligung an SB Energy für ein 8-Gigawatt-Rechenzentrumsprojekt in Ohio, das an einen 20-Jahres-Lease mit OpenAI gekoppelt ist.

Wer hier Parallelen zu übermäßig gehebelten Finanzierungsstrukturen zieht, liegt nicht ganz falsch – Kritiker vergleichen die Konstruktion bereits mit den Verwerfungen vor der Finanzkrise 2008. Das ist ein Risiko, das ich nicht kleinreden will.

Auf der anderen Seite zeigt sich Nvidia auch beim heiklen China-Geschäft pragmatisch: Eine speziell zugeschnittene KI-Inferenzchip-Variante soll bis Jahresende in kleinen Chargen ausgeliefert werden, während gleichzeitig ByteDance und Tencent bereits erste H200-Lieferungen unter gelockerten Regularien erhalten haben. Das dürfte helfen, verlorenen Boden gegenüber Huaweis Ascend 950DT zumindest teilweise zurückzugewinnen.

Mein Fazit

Der Kurs notiert aktuell bei 185,60 Euro, gut acht Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro, während die Volatilität mit 37 Prozent auf annualisierter Basis spürbar bleibt.

Für mich überwiegen dennoch die fundamentalen Argumente: Die operative Dynamik rund um Rubin, die China-Rückkehr und die schiere Größe der angekündigten Finanzierungsvolumina sprechen für ein Unternehmen, das seine Wachstumsstory noch nicht ausgereizt hat.

Die Bewertungsfrage bleibt jedoch der wunde Punkt – wer glaubt, dass Nvidia die impliziten Wachstumserwartungen nicht erfüllen kann, sollte die Zahlen am 26. August mit besonderer Vorsicht lesen. Für alle anderen dürfte der Bericht die These vom „größten Umsatz-Beat aller Zeiten“ weiter untermauern.