Die Nachfrage nach Nvidias KI-Chips zieht spürbar an — und die Mietpreise für GPU-Rechenkapazität steigen rasant. Gleichzeitig notiert die Aktie auf dem niedrigsten Bewertungsniveau seit einem Jahrzehnt. Ein ungewöhnliches Bild.

GPU-Markt: Engpass verschärft sich

Die Mietpreise für H100-GPUs auf Jahresvertragsbasis sind seit Oktober 2025 um fast 40 Prozent gestiegen — von 1,70 Dollar auf 2,35 Dollar pro GPU und Stunde. Verfügbare Rechenkapazität ist laut einer Umfrage unter mehr als 100 Marktteilnehmern praktisch ausverkauft. Unternehmen, die sich früh Kapazitäten gesichert haben, halten daran fest, während andere auf teurere Spot-Instanzen bei Anbietern wie AWS ausweichen.

Ursprünglich hatte der Markt erwartet, dass Nvidias neue Blackwell-GPUs den Preisdruck auf ältere Modelle wie den H100 erhöhen würden. Das Gegenteil ist eingetreten: Auch Blackwell-Chips sind knapp, Lieferzeiten reichen bis Mitte 2026. Treiber der Nachfrage sind unter anderem ByteDance, Google sowie der wachsende Einsatz großer Sprachmodelle wie Anthropic’s Claude.

Den strukturellen Rahmen liefern die großen Hyperscaler: Alphabet, Microsoft, Meta und Amazon wollen 2026 zusammen rund 700 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investieren. Nvidia hält dabei einen Marktanteil von 85 bis 90 Prozent bei GPUs.

Marvell-Partnerschaft und China-Potenzial

Am 31. März 2026 gab Nvidia eine strategische Partnerschaft mit Marvell Technology bekannt. Kern der Vereinbarung ist die Integration von Marvells Custom-Chips in Nvidias NVLink-Ökosystem — genutzt unter anderem von Amazon, Alphabet und Microsoft. Nvidia investierte zudem zwei Milliarden Dollar in Marvell. Am Ankündigungstag legte die Nvidia-Aktie mehr als fünf Prozent zu, Marvell kletterte um 13 Prozent.

Ein weiterer Faktor, der bislang nicht in Nvidias eigener Prognose berücksichtigt ist: Chinesische Behörden haben grünes Licht für den Vertrieb von H100-Chips an mehrere Kunden gegeben. Wells-Fargo-Analysten schätzen das jährliche Umsatzpotenzial auf mindestens 25 Milliarden Dollar.

Bewertung auf Zehnjahrestief

Trotz dieser Fundamentaldaten ist die Aktie seit Oktober 2025 unter Druck geraten und notiert rund 20 Prozent unter ihrem Allzeithoch. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt aktuell bei 19,9 — günstiger als der S&P 500 mit 20,4 und deutlich unter den Werten von rund 36 vor zwei Jahren oder 34 im August 2025.

Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Nvidia einen Rekordumsatz von 68,1 Milliarden Dollar, ein Plus von 73 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das laufende erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 erwartet das Unternehmen 78 Milliarden Dollar Umsatz — ohne etwaige China-Erlöse einzurechnen. Am 27. Mai 2026 legt Nvidia die nächsten Quartalszahlen vor; der Markt wird dann vor allem auf Signale zum China-Geschäft und zur Blackwell-Liefersituation achten.