Ausgangslage
Nvidia hat am Freitag Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vorgelegt, die auf den ersten Blick keine Wünsche offenlassen: 96,2 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das Rechenzentrumsgeschäft wuchs um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar. Es ist das 13. Rekordquartal in Folge. Und doch fiel die Aktie um 4,1 Prozent auf 187,78 Euro und notiert damit 7,3 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro.
Diese Diskrepanz zwischen operativer Stärke und Kursreaktion ist der eigentliche Anlass für Anleger, jetzt genauer hinzuschauen. Nvidia hat für das dritte Quartal einen Umsatz von 108 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt und für das Geschäftsjahr 2028 ein Wachstum von 70 Prozent avisiert – deutlich mehr, als der Markt laut Berichterstattung mit rund 45 Prozent erwartet hatte.
Gleichzeitig kündigte Finanzchefin Colette Kress an, dass die Bruttomarge in den kommenden beiden Quartalen wegen steigender Speicherkosten auf 71 bis 72 Prozent sinken werde, nach zuletzt 75 Prozent. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen Wachstumsversprechen und Margendruck entscheidet sich, ob die aktuelle Kursschwäche eine Kaufgelegenheit oder ein Vorbote größerer Probleme ist.
Die entscheidende Frage
Der Markt fragt nicht mehr, ob die Nachfrage nach Nvidia-Chips anhält – die Supply-Verpflichtungen sind laut Berichten binnen drei Monaten von 119 Milliarden auf 279 Milliarden Dollar gestiegen, ein klares Zeichen für ungebrochene Bestellungen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Lässt sich diese Nachfrage in nachhaltige Kundenrentabilität übersetzen? Mirae Asset Securities verwies darauf, dass sich der Analysefokus von reiner GPU-Nachfrage hin zu Kennzahlen wie Kunden-KI-Rendite, Margenstabilität und freiem Cashflow verschiebe.
Wenn Kunden wie Meta zwar Werbeklicks durch KI-Modelle steigern, aber die riesigen Investitionen in Rechenzentren sich nicht in entsprechenden Erträgen niederschlagen, drohen Bestellungen künftig zurückgefahren zu werden – trotz aktuell voller Auftragsbücher.
Bullisches Szenario
Für die Bullen spricht die schiere Dimension des Ökosystems, das Nvidia aufgebaut hat. Amazon hat laut Berichten weitere zwei Millionen GPUs für die Jahre 2027 und 2028 georder.
Über eine Finanzierungsplattform mit Partnern wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR sollen mehr als 500 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur mobilisiert werden – Kress zufolge sollen von Nvidia mitfinanzierte KI-Labore rund ein Viertel des Umsatzes im Geschäftsjahr 2027 beisteuern.
Die geplante Übernahme von Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar würde die Position im KI-Ökosystem zusätzlich festigen, sofern sie wie berichtet vollzogen wird. Auch technologisch verschiebt sich der Vorteil laut Unternehmensangaben von reinen GPUs hin zu kompletten Systemen: Die Vera-Rubin-Architektur mit eigener CPU soll den Datenverkehr deutlich beschleunigen.
Sollte sich das avisierte Wachstum von 70 Prozent für 2028 bestätigen, wäre die aktuelle Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis unter dem Fünfjahresdurchschnitt sogar günstig.
Bärisches Szenario
Dagegen steht ein ernstzunehmendes Risikobündel. Erstens der Margendruck: Steigende Speicherkosten drücken die Bruttomarge spürbar, während laut Berichten auch Serverpreise ab 2027 um bis zu 15 Prozent steigen könnten.
Zweitens die Konkurrenz aus den eigenen Reihen der Kunden: Google, Amazon, Microsoft, Meta und OpenAI entwickeln eigene KI-Chips, wobei OpenAIs Chip „Jalapeno“ Nvidia in Tests bereits übertroffen haben soll.
Drittens die politische Komponente: Die US-Regierung erwägt ausgeweitete Halbleiterzölle, die bestehende Ausnahmen für Rechenzentren kippen könnten – bestätigt ist das bislang nicht, es handelt sich um eine geprüfte, nicht beschlossene Maßnahme.
Viertens das Kredit-Exposure: Morgan Stanley schätzt, dass Nvidias Kreditengagement bis Ende 2028 auf nahe 200 Milliarden Dollar steigen könnte, davon 170 Milliarden außerbilanziell – ein Konstrukt, das im Erfolgsfall Wachstum finanziert, im Abschwung aber zur Belastung würde. Die Volatilität der Aktie liegt bei annualisiert 45 Prozent, ein Hinweis darauf, dass der Markt diese Unsicherheit bereits einpreist.
Ausblick
Solange die Supply-Verpflichtungen weiter steigen und Großkunden wie Amazon ihre Bestellungen ausweiten, bleibt das bullische Szenario intakt – der Kurs notiert trotz des jüngsten Rücksetzers noch 34 Prozent über dem 52-Wochen-Tief und über allen gängigen gleitenden Durchschnitten.
Kippt jedoch die Kundenrentabilität, etwa weil sich KI-Investitionen nicht in Erträgen niederschlagen, oder verschärfen sich die angedrohten Zölle tatsächlich, dürfte die für 2028 in Aussicht gestellte Wachstumsrate von 70 Prozent zur Belastungsprobe werden.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die für das dritte Quartal angekündigte Umsatzprognose von 108 Milliarden Dollar – bestätigt sie sich, dürfte das Vertrauen in die Wachstumsstory zurückkehren. Verfehlt Nvidia diese Marke oder muss die Margenprognose nach unten korrigiert werden, wäre das ein deutliches Warnsignal für die Bewertung des gesamten KI-Sektors.
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