Die Wall Street hält den Atem an. Während Anleger auf die Quartalszahlen von Nvidia warten, dem selbsternannten Aushängeschild der KI-Rally, hängt gleichzeitig ein wichtiger Inflationsbericht wie ein Damoklesschwert über den Märkten. Beide Ereignisse könnten am Mittwoch darüber entscheiden, wie es an den US-Börsen in den kommenden Wochen weitergeht.
Die US-Futures bewegten sich am Morgen kaum von der Stelle. Dow-Futures legten leicht um rund 30 bis 42 Punkte zu, während S&P- und Nasdaq-Futures im Minus notierten. Diese Zurückhaltung überrascht kaum – schließlich stehen mit den Nvidia-Ergebnissen und dem PCE-Preisindex zwei der wichtigsten Datenpunkte der Woche unmittelbar bevor.
Nvidia als Nadelöhr für die gesamte KI-Rally
Kaum ein Unternehmen bündelt die Hoffnungen und Ängste der Anleger derart wie Nvidia. Der Chiphersteller legt nach Börsenschluss seine Zahlen zum zweiten Fiskalquartal vor, und die Erwartungen sind hoch: Laut LSEG-Daten soll sich der Umsatz gegenüber dem Vorjahr auf gewaltige 92,18 Milliarden Dollar verdoppeln, getragen vor allem von starken Rechenzentrums-Verkäufen. Es wäre das schnellste Wachstumstempo seit sieben Quartalen.
Doch die Messlatte liegt hoch, und die Nervosität ist entsprechend groß. Marc Ostwald, Chefökonom bei ADM Investor Services, bringt es auf den Punkt: Nvidias jüngste Underperformance gegenüber anderen US-Halbleiterwerten sei „ein klares Signal für Marktsorgen rund um den KI-Investitionsboom“. Selbst robuste Zahlen könnten von Zweifeln überschattet werden, sollten Großkunden ihre zyklischen Ausgaben zurückfahren oder sich Nvidias Umsatzkonzentration als Risiko erweisen.
Besonders aufmerksam dürften Investoren auf Hinweise zum Übergang von den aktuellen Blackwell-Chips zu den neuen Vera-Rubin-Prozessoren achten. Sorgen um die Nachhaltigkeit der milliardenschweren KI-Infrastrukturausgaben der Tech-Riesen sind nicht neu – zuletzt hatten mehrere Großkunden in eigenen Berichten Druck auf ihre freien Cashflows eingeräumt. Über die vergangenen zwölf Quartale schwankte Nvidias Marktwert nach Zahlenvorlage im Schnitt um 7,4 Prozent. Optionshändler preisen diesmal eine moderatere Reaktion von rund 280 Milliarden Dollar beziehungsweise 5,4 Prozent ein – ein Hinweis darauf, dass der Markt zwar nervös, aber nicht in Panik ist.
Ein Kontrastprogramm liefert bereits die Software-Branche. Intuit brach nach einem enttäuschenden Umsatzausblick um 11,7 Prozent ein, Adobe, ServiceNow und Atlassian gaben ebenfalls jeweils mehr als zwei Prozent nach. Sollte Nvidia mit Bomben-Zahlen aufwarten, dürfte sich die Kluft zwischen den unter Druck stehenden Softwaretiteln und den von der KI-Euphorie getragenen Halbleiterwerten weiter vertiefen.
Inflationsdaten als zweiter Prüfstein für die Fed
Parallel zur Nvidia-Show richtet sich der Blick auf den Bericht zu den persönlichen Konsumausgaben (PCE), das von der Federal Reserve bevorzugte Inflationsmaß. Für Juli wird ein Anstieg auf 3,6 Prozent erwartet – der monatliche Kernwert soll sich leicht auf 0,2 Prozent beschleunigen, nach 0,1 Prozent im Vormonat.
Die Zahlen könnten die Zinserwartungen für den Rest des Jahres neu justieren. Am Terminmarkt ist für 2026 bereits eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte eingepreist, allerdings hat eine zuletzt im Rahmen der Erwartungen liegende Verbraucherpreis-Lesung die Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung im September gedämpft. Boston-Fed-Präsidentin Susan Collins warnte dagegen, dass ohne nachhaltigere Disinflation eine straffere Geldpolitik bald „angemessen“ wäre. Zwar ist Collins kein stimmberechtigtes Mitglied des Offenmarktausschusses, doch Analysten der Deutschen Bank werten ihre Äußerungen als Signal, dass ein Zinsschritt im September für manche Zentralbanker durchaus noch auf dem Tisch liegen könnte.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh beim Jackson-Hole-Symposium am Freitag zusätzliches Gewicht. Kevin Thozet vom Investmentkomitee bei Carmignac fasst die Szenarien zusammen: Eine „dovishe Überraschung“ mit Fokus auf Wachstums- oder Arbeitsmarktrisiken würde niedrigere Realrenditen und einen schwächeren Dollar bedeuten, während Aktien profitieren könnten. Eine „hawkishe Überraschung“ mit expliziter Inflationssorge oder Zinserhöhungssignalen würde dagegen die kurzfristigen Renditen nach oben treiben.
Ölpreis und Anleihemärkte im Spannungsfeld geopolitischer Hoffnung
Ein weiterer Faktor, der die Stimmung an den Börsen mitbestimmt, kommt aus dem Nahen Osten. Die Ölpreise fielen den dritten Tag in Folge, Brent-Crude rutschte um mehr als zwei Dollar auf 86,22 Dollar je Barrel ab. Auslöser war die Meldung, Iran habe Gespräche mit dem Oman über die Verwaltung der Straße von Hormus wieder aufgenommen – ein möglicher erster Schritt zur Entspannung nach monatelangem Konflikt.
Ganz ausgestanden ist die Krise jedoch nicht. Der Tankerverkehr durch die strategisch wichtige Meerenge, durch die vor Kriegsbeginn rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggasströme floss, war zuletzt auf ein Dreimonatstief gefallen. Nach vorläufigen Daten von Kpler passierten zuletzt lediglich fünf Rohstoffschiffe die Straße, verglichen mit einem gleitenden Zehn-Tages-Durchschnitt von 15. Analysten von Vital Knowledge warnen, dass Brent angesichts der Gefahr eines erneuten Aufflammens der Kämpfe wohl nie wieder auf das Vorkriegsniveau zurückkehren wird – ein geopolitischer Risikoaufschlag dürfte dauerhaft im Preis eingepreist bleiben.
Die sinkenden Ölpreise brachten zumindest kurzfristig Entlastung für die Anleihemärkte, nachdem Sorgen um dauerhaft hohe Ölpreise, steigende Staatsverschuldung und Inflationserwartungen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen vergangene Woche auf Mehrjahreshochs getrieben hatten. Erst Stützungsmaßnahmen des US-Finanzministeriums, das mit Anleihenrückkäufen den Anstieg am langen Ende der Zinskurve deckeln will, sorgten für eine Beruhigung. Der Druck auf den Dollar hat unterdessen Gold und Bitcoin beflügelt – beide bewegten sich zuletzt in der Nähe von Dreimonatshochs, während die sogenannte „Debasement Trade“ – die Wette auf eine schleichende Geldentwertung – weiter an Zulauf gewinnt.
Wie all diese Fäden zusammenlaufen, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen. Fallen die Nvidia-Zahlen enttäuschend aus oder überrascht die PCE-Zahl nach oben, könnte die fragile Ruhe an den Märkten schnell wieder in Nervosität umschlagen.
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