OHB SE bleibt auf Talfahrt. Vorbörslich verliert die Aktie 4,30 Prozent auf 245,00 Euro, nach einem Schlusskurs von 256,00 Euro am Vortag. Wer nur auf die Jahresperformance von 109,40 Prozent schaut, verpasst die eigentliche Geschichte: einen Absturz von fast zwei Dritteln vom Rekordhoch.

Der Fall vom Allzeithoch

Die Zahlen sind eindeutig. Seit dem 52-Wochen-Hoch von 688,00 Euro im Mai hat die Aktie 64,39 Prozent verloren. Das ist kein normaler Rücksetzer. Das ist ein struktureller Bewertungsbruch.

Bemerkenswert: Analysten hatten schon im Mai vor genau dieser Entwicklung gewarnt. Damals notierte die Aktie bei 556 Euro. Fair-Value-Modelle stuften sie als deutlich überbewertet ein.

Ab diesem Punkt ging es steil abwärts. Im Juni verlor die Aktie 34,6 Prozent, im Juli weitere 17,9 Prozent. Wer die Warnung ignorierte und auf die reine Wachstumsstory setzte, zahlt jetzt den Preis dafür.

Analysten uneinig – und genau das zählt

Am 5. August haben mehrere Analysten ihre Coverage für OHB aufgenommen. Die Kursziele reichen von 250 bis 360 Euro. Diese Spanne von 110 Euro ist selbst ein Warnsignal. Wenn sich Profis um so viel uneinig sind, ist der faire Wert offenbar alles andere als klar.

Besonders aufschlussreich: Goldman Sachs positioniert sich mit einem Neutral-Votum. Die Bank setzt auf eine ausgewogene Risiko-Ertrags-Einschätzung. Das deutet auf Bewertungsfragen und Ausführungsrisiken hin.

Mein Urteil: Wer die jüngste Kursentwicklung nüchtern betrachtet, sollte dieser vorsichtigen Haltung mehr Gewicht geben als den euphorischen oberen Kurszielen. Gerade weil die Aktie erst kürzlich bewiesen hat, wie schnell überzogene Erwartungen korrigiert werden.

Operativ solide, bewertungstechnisch fragil

Es wäre unfair, OHB nur als Absturzkandidaten abzustempeln. Operativ liefert das Unternehmen durchaus. Ein Teil der Analysten bleibt trotzdem nur neutral – das spricht für Unsicherheiten entlang der Wertschöpfungskette. Mögliche Verzögerungen in der Fertigung, Kostenentwicklungen bei komplexen Satellitenprogrammen, die Frage, wie schnell sich der Auftragsbestand in Umsatz übersetzt.

Am 30. Juli erhielt OHB über die Tochter OHB Italia einen Auftrag für die PRISMA Second Generation. Die Mission zur hyperspektralen Erdbeobachtung soll bis Ende 2031 starten. Solche Aufträge untermauern die langfristige Story des europäischen Raumfahrtsektors. Sie ändern aber nichts an der kurzfristigen technischen Schwäche.

Charttechnisches Fazit: Erholung bleibt fragil

Mit einem RSI von 41,8 bewegt sich die Aktie in neutralem Terrain. Weder überverkauft noch überkauft – klare Richtungsimpulse fehlen. Die annualisierte Volatilität von knapp 60 Prozent zeigt: Heftige Ausschläge in beide Richtungen bleiben wahrscheinlich.

Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt nur noch minus 0,80 Prozent. Die Aktie kämpft also exakt an dieser wichtigen langfristigen Trendlinie. Genau hier entscheidet sich, ob die Konsolidierung nach dem Höhenflug ein Ende findet.

Unterm Strich: Die Kombination aus fortgesetztem Kursverfall, breiter Analystenmeinung und hoher Volatilität spricht dafür, dass die Korrektur noch nicht ausgestanden ist. Wer bei über 100 Prozent Jahresperformance nur die Erfolgsgeschichte sieht, blendet aus, dass genau diese Übertreibung den Absturz um zwei Drittel erst ausgelöst hat. Solange sich der Kurs nicht stabil über dem 200-Tage-Durchschnitt von 246,97 Euro etablieren kann, bleibt die technische Lage angeschlagen – trotz der soliden operativen Substanz im Raumfahrtgeschäft.